Muss ich als Amerikanerin Briten meiden, um eine gute Übersetzerin zu bleiben?

von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Julia Beyrer

Im Jahr 2002 traten bei mir die ersten Anzeichen auf. Ich war gerade aus den USA nach Europa gezogen und arbeitete als Fremdsprachenassistentin an einer Grundschule in Rostock, wo ich Kindern im Alter von fünf bis etwa zehn Jahren ein wenig Englisch beibringen sollte, damit sie sich etwas unterhalten können, so zum Beispiel:

„Hello. How are you?“

„What’s your name?“

„Have you got a brother?“

Moment, wie bitte?

„What colour is the woolly hat?“

Entschuldigung, wie meinen?

„It’s a fancy dress party.“

Die Kleidung der Kinder war aber überhaupt nicht „fancy“.

Kristin Fehlauer

All diese Wörter ergaben für sich gesehen einen Sinn, aber auf diese Weise aneinandergereiht hatte ich sie noch nie gehört oder gesehen. Ich protestierte. Ich sagte, ich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn Kinder britisches Englisch lernen, aber warum braucht man dazu eine US-Amerikanerin? Ich selbst würde das so nie sagen. Es war, als ob ich eine neue Sprache lernen würde! Und mein amerikanischer Akzent gepaart mit britischen Redewendungen klang einfach nur lächerlich. Mein Einspruch wurde abgewiesen und so gab ich einfach mein Bestes, um den Kindern beizubringen, wie man sich (hoffentlich) in Großbritannien ausdrückt.

Damals wusste ich noch nicht, dass das erst der Anfang meiner fortwährenden Hassliebe zu dieser anderen Sprachform des Englischen war. Wie viele Amerikaner liebe ich einfach den Klang des britischen Englisch. Es klingt so gebildet, nach Kultur und jahrhundertealter Tradition. Einfach charmant und irgendwie auch sehr entzückend! Aber je mehr ich seinen Feinheiten auf den Grund gehe, desto mehr fürchte ich seinen unwiderruflichen Einfluss auf mein amerikanisches Sprachzentrum. Der schleichende Verlauf ist nicht immer offensichtlich, aber er ist definitiv vorhanden.

Hinweis: Unter die Bezeichnung „britisches Englisch“ fällt eine Vielzahl an verschiedensten Akzenten und Dialekten. In meinem Blogbeitrag geht es hauptsächlich um das, wie ich es nennen würde, „Queen’s English“, also um die Art Englisch, die man als Amerikaner mit der britischen Oberschicht oder dem Königshaus verbindet.

Hinweis Nr. 2: Natürlich gibt es noch viel mehr Sprachformen des Englischen! Meine persönlichen Erfahrungen, die ich als Amerikanerin gemacht habe und von denen ich Ihnen hier berichten möchte, beziehen sich jedoch rein auf das britische Englisch. Die Australier, Iren, Neuseeländer und Südafrikaner unter Ihnen, liebe Leser, mögen es mir verzeihen …

You like potayto and I like potahto

Es wird die wenigsten überraschen zu erfahren, dass manche Wörter völlig unterschiedlich ausgesprochen werden. Zwar wirken sich die Unterschiede nicht auf das Verständnis aus und werden eher als lustiges sprachliches Kuriosum angesehen – es ist immer wieder witzig, mit Freunden, die britisches Englisch sprechen, über die Unterschiede zu lachen ‒, aber manchmal wird aus dem Spaß auch Ernst. Ich werde mich zum Beispiel nie daran gewöhnen, dass sich im britischen Englisch „clerk“ auf „park“, „rain“ auf “again” oder „port” auf „ought” reimt. Sie können sich vorstellen, dass britische Gedichte und Songtexte auf amerikanische Ohren manchmal eine ganz wirre Wirkung haben!

Ein weiterer bedeutender Unterschied liegt in der Intonation. Für mich klingen Fragen im britischen Englisch mehr wie Aussagen, die einfach nur bestätigt werden wollen. Es ist zwar schwierig, das Auf und Ab einer Stimme in Textform darzustellen, aber ich versuche es einmal:

Wenn ein Brite fragt „Have you got a sister?”, sieht seine Stimmbewegung ungefähr so aus:
Stimmbewegung-Brite

Wenn nun ein Amerikaner fragt „Do you have a sister?”, beginnt seine Stimme unten und steigt kontinuierlich an. Also in etwa so:
Stimmbewegung-Amerikaner

You like tomayto and I like tomahto

Jeder, der auch nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat, wird sofort bemerkt haben, dass Briten und Amerikaner Dinge unterschiedlich bezeichnen. So wird aus einem britischen Kofferraum, also „boot“, ein amerikanischer „trunk“, einer britischen Wohnung („flat“) ein amerikanisches „apartment“ und amerikanische Babys tragen keine „nappies“, sondern „diapers“. Weniger bekannte Beispiele sind „coriander“ im Vergleich zu „cilantro“ und „anticlockwise“ vs. „counterclockwise“. Die Briten halten es mit ihrem „coriander“ ähnlich wie ihre Nachbarn auf dem europäischen Festland (vgl. Koriander, coriandre, coriandolo, кориандр etc.). Die Amerikaner haben mit dem „cilantro“ nicht nur das Kraut an sich, sondern auch das Wort dafür von ihren spanischsprachigen Nachbarn im Süden übernommen.

Was meinen Sie? Wie heißt „gegen den Uhrzeigersinn“ im britischen Englisch? Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich „counterclockwise“ gesagt. Vielleicht weil „counter“ für mich nach einer altenglischen Vorsilbe aussieht und ich darin keine andere Ursprungssprache erkennen kann. Und irgendwie passt es ganz hervorragend zu „clock“ und „wise“! Die Vorsilbe „anti” klingt für mich so gar nicht englisch und muss daher neueren Ursprungs sein. Vielleicht trug sich das Ganze wie folgt zu:

Person A: Also wir sagen „clockwise“ für „im Uhrzeigersinn“.

Person B: Gut, aber wie sagen wir, wenn etwas andersherum läuft?

A: Meinst Du das Gegenteil von „im Uhrzeigersinn“?

B: Genau.

A: Hm, ich weiß nicht … Also „anti“ kann man ja irgendwie vor jedes Wort stellen und schon bedeutet es das Gegenteil. Warum sagen wir nicht einfach „anticlockwise”?

B: Klingt gut!

Obwohl ich mir dabei irgendwie mies vorkomme, kann ich mir diese Unterhaltung eher in Amerika als in „Good old England“ vorstellen. Wie kam es also dazu, dass wir Amerikaner „counterclockwise“ und die Briten „anticlockwise“ sagen? Ich habe keine Ahnung. Aber viel wichtiger ist wohl die Frage, warum wir überhaupt diese Wörter verwenden und nicht einfach das in beiden Sprachen bekannte, großartige Wort „widdershins“.

Lime

Kleine, feine Unterschiede – auch in der Grammatik

Freilich sind die oben genannten Auffälligkeiten des britischen im Vergleich zum amerikanischen Englisch ziemlich oberflächlich und offensichtlich. Da sich die meisten englischen Muttersprachler dessen bewusst sind, dass ihre Sprache anderorts einfach anders ist, kommen sie auch leichter mit den unterschiedlichen Aussprachemöglichkeiten und Bezeichnungen klar. Aber je weiter ich in die Tiefen der beiden Sprachformen abtauche, desto mehr offenbaren sich mir die Feinheiten.

Die erste solche sprachliche Finesse, die mir als Übersetzerin begegnete, war das britische „in future”. Und da die Amerikaner hier stets einen Artikel gebrauchen, heißt es bei ihnen – unabhängig vom Zusammenhang – immer „in the future”. Dadurch geht leider ein kleiner, feiner Unterschied verloren: Für die Briten bezieht sich „in the future“ auf eine Zeitspanne, die noch nicht begonnen hat, wohingegen sie unter „in future“ „von jetzt an“ oder „beim nächsten Mal“ verstehen. An so etwas kann sich mein Gehirn immer noch nicht gewöhnen, was es nicht gerade einfach macht, wenn ein Kunde britisches Englisch wünscht! Nur gut, dass ich britische Kollegen habe, die mir regelmäßig aus der Patsche helfen.

Eine weitere Besonderheit des britischen Englisch liegt in der Verwendung des Wortes „never“, das gerne immer dann verwendet wird, wenn die Briten sagen möchten, dass etwas überhaupt nicht wahr sein kann. Wenn Sie also ein Kleidungsstück anprobieren, das angeblich in Ihrer Größe ist, und es aber überhaupt nicht passt, könnten Sie also „That’s never a size 9!“ sagen. Ein Amerikaner, der das Wörtchen in diesem Zusammenhang verwendet? Never!

Die Sache mit dem „do“

Zu guter Letzt machen mir die Verben im britischen Englisch am meisten zu schaffen. Irgendwie scheinen die Briten viel mehr auf das Verb „do“ zu stehen, und das vor allem in Kombination mit Modalverben:

„Are you going to work on that project this evening?“

„I should do, but I’ll probably just watch the telly instead.“

Amerikaner würden „do“ niemals an diese Stelle setzen (und außerdem ist ein Fernseher bei uns ein „TV“ und kein „telly“).

Ein weiteres Beispiel: Vor kurzem fragte mich ein amerikanischer Freund, ob ich denn den Blogbeitrag gelesen hätte, den er vor ein paar Wochen geschrieben hatte. Ich war mir nicht sicher, also antwortete ich „I might have done“. Mit einem Grinsen sagte er mir, dass ich heute aber sehr britisch klänge. Und da hatte er völlig Recht. Amerikanischer wäre es gewesen „maybe I did“ zu sagen, aber darüber musste ich erst einmal nachdenken.

Ich glaube, dass sich die meisten Muttersprachler egal welcher Sprache schwer damit tun, die Regeln zu beschreiben, die sie in ihrer Sprache anwenden. Wenn ich also in diesem Blogbeitrag eher Beispiele als abstrakte Beschreibungen verwendet habe, mögen Sie mir das bitte verzeihen, aber so kann ich Ihnen am einfachsten erklären, was ich meine.

Fazit

„Na und?“, denken Sie sich jetzt vielleicht. Das ist Ihr gutes Recht, aber es macht Spaß, neue Wörter zu lernen und sich auf neue Sprechweisen einzulassen, und ich finde es schön, dass ich mein eigenes Englisch entwickle. Und das wäre auch kein Problem, würde ich nicht mein Geld mit dem amerikanischen Englisch verdienen. Nun muss ich Texte abliefern, die so klingen sollen, als hätte sie ein Amerikaner geschrieben, und mit einem Schotten am Schreibtisch mir gegenüber, einem Engländer am Ende des Flurs und einem Freiberufler aus Irland, mit dem ich über Skype in regem Kontakt stehe, bin ich umzingelt von britischen Insulanern, deren Einflüssen ich wehrlos ausgeliefert bin.

Meine Vorliebe für britische Medien macht die Sache nicht gerade leichter: Meine Lieblingssendungen im Fernsehen und meine Lieblingspodcasts sind britischen Ursprungs. Das alles beeinflusst mein Sprachgefühl und manchmal tue ich mir wirklich schwer damit zu sagen, was sich „richtig anhört“. Dem versuche ich entgegenzuwirken, indem ich ganz bewusst amerikanische Radiosender anhöre und Druckmedien aus den USA lese, und natürlich hilft es mir, mich mit Freunden und Verwandten in den USA zu unterhalten. Über manche Dinge, die ich eigentlich ganz intuitiv auf eine bestimmte Weise ausdrücken sollte, muss ich manchmal nachdenken, wie das obige Beispiel mit „might have done“ zeigt.

Mit diesen Schwierigkeiten haben viele Menschen zu kämpfen, die im Ausland leben und den Einflüssen der Landessprache ausgesetzt sind. Und jetzt an alle Auswanderer da draußen: Wer hat einen Tipp, wie man seine Muttersprache am besten „schützen“ kann?

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