Das ewige Leben

von Colin Howe, übersetzt von Manuel Baer

Neulich ist meine spanische Schwiegermutter im stolzen Alter von 87 Jahren verstorben. Nach ihrer Beerdigung bin ich in mich gegangen und habe über das Leben und den unweigerlich damit verbundenen Tod nachgedacht. Was mich letztlich zum Schreiben inspirierte, waren die Worte des Pfarrers. Er tröstete uns mit der Aussage, dass die Verstorbenen die Erde verlassen und zu Himmelsbürgern werden.

Seine Formulierung hatte für mich etwas Deprimierendes. Wenn ich „Bürger“ höre, denke ich an Steuern, Hypotheken, Verantwortung und andere Unannehmlichkeiten, von denen niemand bis ins Grab, oder gar darüber hinaus, heimgesucht werden will. Ist uns nun also nicht einmal mehr der Tod vergönnt? Was ist aus „Ruhe in Frieden“ geworden? Als Kind haben mich Tolkiens Elben fasziniert, die, wenn sie nicht von Drachen zerfleischt oder von Orks niedergestochen werden, angeblich nur an Trauer sterben können. Was wäre also, wenn wir wirklich ewig lebten?

Natürlich kann man diesen Gedanken einfach als unrealistisch abtun. Allerdings haben Fortschritte in der Gerontologie – der Wissenschaft der gesellschaftlichen, psychologischen, kognitiven und biologischen Aspekte des Alterns – jüngst Schlagzeilen gemacht, die unsere Sichtweise auf den Tod infrage stellen. Haben wir bereits unsere höchstmögliche Lebenserwartung erreicht oder könnten wir vielleicht ewig leben? Und wäre das für die Menschheit überhaupt wünschenswert? Nachfolgend will ich durchleuchten, wie sich unser Verhältnis zum Tod verändert, wie wir ihm zu entrinnen versuchen und was passieren könnte, wenn wir dies wirklich schaffen würden.

Das Ende der Fahnenstange

Dank besserer Lebensbedingungen, medizinischer Errungenschaften und geringerer Kindersterblichkeit ist die menschliche Lebenserwartung seit dem 19. Jahrhundert stark gestiegen. Durch die Fortschritte der Moderne haben Menschen aller Gesellschaftsschichten gute Chancen, ein hohes Alter zu erreichen. Früher, als Mangelernährung und Krankheiten weit verbreitet waren, war dieses Privileg nur wenigen gegönnt. Die Zahlen sind aber mitunter etwas irreführend. Wir haben unsere durchschnittliche Lebenserwartung zwar gesteigert, biologisch betrachtet ist der Mensch heute aber kaum anders als früher. Auch ein gesunder Lebensstil kann hier nur begrenzt Verbesserungen bringen. Hat die Menschheit also das Ende der Fahnenstange erreicht?

Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass dem so ist. Das Forscherteam um Jan Vijg am Albert Einstein College of Medicine in New York City untersuchte 2016 in einer Studie demographische Zahlen aus den Mortalitätsdatenbanken Human Mortality Database und International Database on Longevity. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass das Höchstalter mit dem größten Zuwachs seit den 1980er Jahren bei rund 99 Jahren quasi stagniert. Sie räumen jedoch ein, dass ihre Studie mögliche künftige medizinische Fortschritte nicht berücksichtigt.

Wettrennen mit dem Tod

Es gibt Menschen, die das völlig anders sehen. Aubrey de Grey, britischer Biogerontologe von Weltruf, ist einer von ihnen. Kürzlich erklärte er in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El Pais, wie die Wissenschaft die Altersgrenze weiter verschieben oder gar ganz aufheben könnte.

„Die Komponenten aller Maschinen wie Autos oder Flugzeuge verschleißen mit der Zeit. Der menschliche Körper ist ebenfalls eine Maschine, aber eine sehr komplizierte, die zu reparieren zwar schwierig, aber nicht unmöglich ist“, erklärt de Grey.

Sein Ansatz lautet, die Schäden, die der menschliche Körper über die Zeit erlitten hat, zu reparieren. Diese werden in sieben Kategorien eingeteilt, durch die sich allgemeine Therapien dafür bestimmen lassen. So hat die Evolution etwa dafür gesorgt, dass Zellen ihre Stoffwechselnebenprodukte ausscheiden können. Allerdings nur, wenn große Mengen davon vorhanden sind; geringere Mengen sammeln sich oft in der Zelle an und lassen einen altern. Mit dem richtigen Mittel, üblicherweise Bakterien, lassen sich diese Abfallstoffe zersetzen und die Alterung verlangsamen.

De Grey rechnet zwar nicht damit, dass es in naher Zukunft Wundermittel geben wird, die uns das ewige Leben bescheren, aber er schätzt, dass Menschen mittleren Alters durch die aktuellen Entwicklungen gut 30 Jahre länger gesund leben könnten. Bis diese Menschen ihr Lebensende erreicht haben, wird es höchstwahrscheinlich technische Lösungen für die bis dahin entstandenen Schäden geben, wodurch sich die Lebenserwartung weiter verlängern ließe. So könnten wir dem Tod immer einen Schritt voraus sein und theoretisch immer weiterleben, solange die Wissenschaft entsprechende Wege dafür findet.

Kryonik – Krankheiten auf Eis gelegt

Doch es gibt eine weitere Möglichkeit, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen: Mittels Kryonik werden offiziell für tot erklärte Menschen, meist in Flüssigstickstoff, konserviert. Was nach Science-Fiction klingt, haben etliche Menschen aber bereits in die Realität umgesetzt. Die meisten von ihnen litten unter unheilbaren Krankheiten und haben sich in der Hoffnung einfrieren lassen, irgendwann in der Zukunft wiederbelebt und geheilt werden zu können. Seit der Psychologieprofessor Dr. James Bedford von der University of California sich im Januar 1967 als erster dieser Prozedur unterzog, haben Hunderte andere ihre Gehirne, Köpfe oder ganzen Körper bei einem der weltweit vier Kryonik-Anbieter konservieren lassen. Das Verfahren ist nicht unumstritten und hat den entscheidenden Nachteil, dass bisher noch niemand erfolgreich wiederbelebt wurde. Daher ist unklar, ob das Ganze überhaupt funktioniert.

Die Malthusianische Falle

Doch ganz abgesehen davon, wie wir unser Leben verlängern, müssen wir auch die Folgen einer höheren Lebenserwartung berücksichtigen. Was wäre, wenn niemand mehr sterben würde? Bereits 1798 stellte Thomas Robert Malthus in seinen Prinzipien der Bevölkerungsdynamik die These auf, dass die Bevölkerungszahl exponentiell, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear wachse, was unweigerlich zu Hungersnot, Krankheit oder Krieg führe.

Auch wenn der technologische Fortschritt Malthus‘ Theorie größtenteils entkräftet hat, wächst die Weltbevölkerung zweifellos rasant an. Laut einer aktuellen Erhebung von Forschern der Universität Washington wird sie mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis Ende des Jahrhunderts von derzeit 7,2 Milliarden auf 9,6 bis 12,3 Milliarden anwachsen. Außerdem ist der Ressourcenverbrauch bereits äußerst beunruhigend – was sich logischerweise weiter verschärfen würde, wenn wir unsterblich wären. Ist es also wirklich wünschenswert für die Menschheit, die Lebenserwartung derart zu verlängern?

De Grey sieht dies positiv: „Da man sich früher vor allem mit Pferden fortbewegte, ging man ursprünglich davon aus, dass die wachsenden Städte mit der Zeit in Pferdemist versinken würden. Aber die Technik hat das Problem gelöst. Bald werden wir imstande sein, weniger Abfall zu produzieren, und die Erde wird mehr Menschen beherbergen können, welche die Umwelt weniger verschmutzen.“

Zudem haben Fortschritte in der Landwirtschaft zumindest vorläufig sichergestellt, dass die Nahrungsmittelproduktion die wachsende Nachfrage decken kann. Durch Errungenschaften wie künstliches Fleisch könnten Millionen Hektar Weidefläche frei werden, die sich produktiver nutzen ließen. Wenn wir fortwährend innovative Lösungen für die Bedürfnisse einer stetig wachsenden Bevölkerung entwickeln, gibt es nichts, was klar dagegenspräche, Technologien und Verfahren für ein längeres, gesünderes Leben zu erforschen.

Sollten wir jedoch irgendwann die Ressourcen der Erde aufgebraucht haben, müssen wir vielleicht nach einem anderen Heimatplaneten suchen und wahre Himmelsbürger werden. Bis dahin müssten wir dann entweder unsere Lebenserwartung drastisch steigern oder doch auf Kryonik zurückgreifen. Mit Ionenantrieben, wie man sie von der NASA-Mission Deep Space 1 kennt, lassen sich Raumsonden derzeit auf rund 56.000 km/h beschleunigen. Mit dieser Geschwindigkeit würde die Reise von der Erde zu ihrem nächstgelegenen, 4,24 Lichtjahre entfernten Nachbarstern Proxima Centauri über 81.000 Jahre dauern, und zum nächsten bewohnten Planeten wären wir noch deutlich länger unterwegs.

Die goldene Mitte

Künftige wissenschaftliche Fortschritte könnten die Lebenserwartung stetig steigern. Müsste der Mensch irgendwann wirklich keinen natürlichen Tod mehr sterben, wären einige schwierige Entscheidungen wie die Begrenzung der Geburtenraten fällig, um unseren Planeten nicht auszulaugen. Allerdings argumentiert de Grey, dass diese Entscheidungen nicht uns obliegen; wir müssen die Technologien für ein längeres Leben jetzt entwickeln, damit künftige Generationen diese voll ausschöpfen und etwa entscheiden können, ob sie Kinder haben möchten oder nicht. Vielleicht ist das Thema Überbevölkerung bis dahin dank interstellarer Reisen auch vom Tisch. Offensichtlich ist, dass wir neben einer längeren Lebenserwartung der Menschen dafür sorgen müssen, dass sie auch alle einen Lebensraum haben – ob als Himmels- oder Erdenbürger. Für beide Aspekte werden neue Technologien eine wichtige Rolle spielen.

Das Leben der Menschen zu verlängern ist ja gut und recht, aber wohin mit all der Zeit? Anscheinend gibt es „Herr der Ringe“ bislang nur in 65 Sprachen – vielleicht sollte ich mich um die Übersetzung in die ungefähr 6.435 restlichen Sprachen kümmern. Letztlich bin ich voll und ganz für die Unsterblichkeit, wenn ich dann einerseits alle großartigen Reiseziele, Bücher, Filme und Serien abhaken könnte, die noch auf meiner Liste stehen, und ich es dann andererseits erleben könnte, meine Hypothek abzubezahlen.

Die Elben würden mir sicher zustimmen.

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