Das Publikum im Blickfeld

von Colin Rae, aus dem Englischen von Andrea Brugman

Haben Sie schon einmal gehört, dass es „keine schlechte Sprache gibt, nur die falsche Verwendung guter Sprache“? Diese Vorstellung gefällt mir. Fluchen ist demnach akzeptabel, wenn dies nur im richtigen Kontext geschieht. Ich bin auch ein Anhänger der Idee, dass alle Puzzleteile bereits vorhanden sind: Für jede Situation gibt es die ideale Zusammensetzung aus Wörtern, die über die richtige Länge, den richtigen Rhythmus und Ton verfügen.

Schlechte Sprache

Unsere Worte können entscheiden, ob wir unser Anliegen (soweit überhaupt vorhanden) deutlich machen können oder unser Publikum abschweifen lassen. Ich könnte meinem zweijährigen Sohn sagen, er solle seine „künstlerische Tätigkeit sofort einstellen, da dies die Abtrennung zwischen diesem Raum und dem nächsten verunstalte“, aber er würde wahrscheinlich nicht aufhören, die Wand zu bekritzeln. Auch wäre ein Anruf bei meinen Kollegen mit den Worten „der Tut-Tuut ist putt“ wohl nicht der beste Weg, um ihnen mitzuteilen, dass ich mich verspäte. Natürlich sind diese Beispiele bewusst absurd, aber es ist schon erstaunlich, womit manche Menschen versuchen durchzukommen.

Richtiger Unfug

Seit zehn Jahren zeichnet Lucy Kellaway von der Financial Times jeweils im Januar die besten Beispiele für eine „grauenhafte Verwendung von Sprache in der Geschäftswelt“ aus, die in den vorangegangenen zwölf Monaten ihre hässliche Fratze gezeigt haben. Zu den Kategorien gehören Nerben und Vomen (Nomen, die vorgeben, Verben zu sein, und umgekehrt), es gibt eine Auszeichnung für vermischte Metaphern und die Krönung des „Chief Obfuscation Champion“, des „Meisters der Verschleierung“ also. Dabei wird der Unternehmenschef gekürt, der den unverständlichsten Kauderwelsch von sich gegeben hat, den man sich nur vorstellen kann. Mein Favorit dieser letzten Kategorie ist der Gewinner von 2013, den ich hier nicht namentlich nennen möchte: „Wenn Marken einen weltweiten Fußabdruck aufbauen, suchen sie die vorbehaltlose globale Perspektive, die schon immer Bestandteil unserer DNA war“. Unfug vom Feinsten.

Leider wird sehr viel Unfug von sich gegeben. Und während manche Übeltäter unschuldig sind (in der Regel, weil sie in einer Fremdsprache kommunizieren), gibt es viele weitere, die offenbar eine Partie Bingo mit Trendwörtern spielen, bei der derjenige gewinnt, der einen völlig sinnentleerten „Soundbite“ produzieren kann (ohne dass dies auffallen würde). Wie viele Synergien haben Sie heute schon gehebelt?

Auf ihren Streifzügen durch unternehmerisches Geschwafel hatte Kellaway viel Spaß dabei, die neuen und zunehmend verblüffenden Arten aufzuzeigen, mit denen Unternehmen die Entlassung von Mitarbeitern zu beschönigen versuchen. Mir wäre es lieber, direkt gesagt zu bekommen, dass ich entlassen bin, als zu hören, das Unternehmen müsse Freisetzungen, Verschlankungen oder einen Bürokratieabbau vornehmen (um nur ein paar zu nennen). Euphemismen schön und gut, aber das Schönfärben von Kündigungen geht zu weit.

Kontext ist König

Bevor Sie mir vorwerfen, ich wäre nicht am Zahn der Zeit, was zukunftsfähige Handlungsfelder und disruptive Ideen (sorry, ich konnte nicht widerstehen!) betrifft, möchte ich zu der Behauptung zurückkehren, die ich zu Beginn des Artikels aufgestellt habe: Ein Wort ist nur so gut oder so schlecht wie der Kontext, in dem es verwendet wird. Bitten Sie einmal einen guten Übersetzer, Ihnen einen Begriff oder Satz zu übersetzen, und Sie hören aller Wahrscheinlichkeit nach gleich die Frage: „In welchem Kontext wird er verwendet?“. Ich habe nichts dagegen, etwas nutzbar zu machen, agil zu sein, Zugkraft zu gewinnen oder Aktionspunkte umzusetzen, wenn der Kontext stimmt. Ich habe nur das Gefühl, dass wir heutzutage sehr viele Dinge realisieren, integrieren, implementieren, einsetzen, schaffen, leben, konstruieren und inkubieren, ganz egal, ob dies ratsam oder gar möglich ist.

Wenn wir über Quantenmechanik, medizinische Forschung oder Maschinentechnik schreiben, sind komplexe Ideen und Fachbegriffe normalerweise unumgänglich. Aber unsere Wortwahl und wie wir Zusammenhänge beschreiben, hängen stark von der Zielgruppe ab. Sprache ist vielseitig verwendbar und durch sie können wir komplizierte Ideen verständlich ausdrücken, ohne diese allzu sehr zu vereinfachen. Ebenso wenig sollten wir einfache Botschaften durch Geschwafel unnötig aufplustern. Verwenden Sie ruhig Metaphern, Redewendungen oder sogar Klischees, aber benutzen Sie diese sparsam, überlegt und vor allem korrekt. Wählen Sie das richtige Werkzeug. Sagen Sie nicht, dass Sie „eine Schnittstelle für einen 360-Grad-Dialog zur Nutzung gewonnener Erfahrungen zu kultivieren versuchen“, um auszudrücken, dass Sie „einen Weg finden möchten, dass alle Mitarbeiter ihr Feedback geben können, damit wir aus unseren Erfolgen und Fehlern lernen“. Behalten Sie Ihre Zielgruppe im Auge – und zollen Sie ihr Respekt.

Spiel und Spaß

Zum Abschluss möchte ich Sie noch zu einer Partie Bingo mit Trendwörtern einladen. Sie können spielen, wie Sie möchten – während Sie Mitteilungen der Unternehmensleitung oder E-Mails lesen, beim nächsten Teammeeting oder bei der nächsten Teambuilding-Übung. Vielleicht verwenden Sie es sogar dazu, Ihre eigenen sprachlichen Angewohnheiten zu beobachten. Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei!

BINGO Matrix

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