Der lange Weg zur Übersetzerin

Von Andrea Brugman

Wenn ich in den USA – wo ich 15 Jahre lang gelebt habe – nach meinem Beruf gefragt wurde, kam nach meiner Antwort „I’m a translator“ häufig die Reaktion: „That figures“. Meine Erwiderung darauf veränderte sich im Laufe der Jahre. Anfangs war sie wohl noch „typisch deutsch“: ein für Amerikaner der entspannten Westküste sicherlich etwas harsch klingendes „No, no, it doesn’t figure at all!“, gefolgt von einer ausführlichen Erläuterung, warum das Beherrschen zweier Sprachen für die Tätigkeit des Übersetzers beileibe nicht ausreiche. Später verinnerlichte ich immer mehr die Gepflogenheiten meines neuen Zuhauses. Meine Antwort fiel wesentlich prägnanter aus und ich leitete sie mit einem versöhnlichen „You are absolutely right, it is essential to know two languages“ oder vielleicht auch mit „Well, actually“ ein. Schließlich sparte ich mir meine Belehrung oft vollständig, nickte nur lächelnd und stimmte mit einem lässigen „Sure!“ zu.

Dass wir Übersetzer mindestens zwei Sprachen beherrschen müssen oder, anders gesagt, dass wir unsere Fähigkeit, zwei Sprachen auf einem sehr hohen Niveau zu sprechen, die auch im Privatleben eine große Bereicherung darstellt, zu unserem Beruf machen können, ist natürlich ein Geschenk. Doch geschenkt war der Weg zur Übersetzerin nicht.

Andrea Brugman

Von der Ein- zur Mehrsprachigkeit

Ich erinnere mich noch genau, als ich anfing, Englisch zu lernen. Ich war gerade in die fünfte Klasse gekommen – damals begann der Fremdsprachenunterricht erst nach der Grundschulzeit – und erklärte Englisch schon vor der ersten Stunde zu meinem Lieblingsfach. Ich hatte ja schon ein paar Wörter mit meinem älteren Bruder mitgelernt und glaubte, ich beherrsche die Sprache. Wie enttäuscht war ich, als auf meiner ersten Probe eine hässliche 4 prangte, die schlechteste Note, die ich bis dahin in meiner Schullaufbahn bekommen hatte. Mir schwante, dass von uns Schülern nicht nur erwartet wurde, die gelernten englischen Wörter mehr oder weniger richtig hinzuschreiben – nein, jeder Buchstabe musste stimmen.

Doch nicht genug damit: Die absolute Ernüchterung kam, als mir bewusst wurde, dass ich wirklich für jedes Wort, das ich im Deutschen kannte (und es kamen mir sehr viele in den Sinn), das englische Äquivalent lernen musste und es keine Gesetzmäßigkeiten, kein System gab, mit dem dieses sich ableiten ließe. Klar, manche deutschen und englischen Wörter ähnelten sich, aber nur weil „Katze“ cat hieß, konnte ich nicht davon ausgehen, dass ein „Vogel“ im Englischen vog oder fog genannt wurde oder „Tasche“ tasch (meinetwegen auch in der Schreibweise tash). Ich muss wohl an die B-Sprache gedacht haben, in der wir uns als Kinder manchmal zu unterhalten versuchten („Ibich hababebe jebetzt Duburst!“), oder an die Geheimschriften aus dem Detektivkoffer meines Bruders, wo zum Beispiel jedes A durch ein Z, jedes B durch ein Y und jedes C durch ein X ersetzt wurde.

Translator path crop

Ein ähnliches Albtraum-Feeling überkam mich übrigens, als ich in den USA meinen ersten Job angeboten bekam. Mein Arbeitsvertrag billigte mir zwei Wochen Jahresurlaub zu – unbezahlt, wohlgemerkt – und einen Arbeitsplatz in einem dunklen, fensterlosen Großraumbüro, der aus einem kleinen Schreibtisch mit Computer, funzeliger Lampe und Telefon bestand, umgeben von halbhohen, grauen Trennwänden. Hinter diesen tauchten meine künftigen Kollegen wie aus der Unterwelt auf, als sie mich bei meinem ersten Rundgang begrüßten. Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte – oder vielleicht doch nicht? Es war nämlich mein erster Arbeitgeber, Amazon.com, der schließlich, nach eineinhalb Jahren Praktikum, meinen Traum, als Übersetzerin zu arbeiten, Wirklichkeit werden ließ.

Ich bin heute froh, dass mir als Fünftklässlerin gar nicht bewusst war, dass Wörter in einer Fremdsprache ja nur die halbe Miete sind, wenn überhaupt. Sonst hätte ich vielleicht gleich die Flinte ins Korn geworfen (thrown the shotgun into the grain?) und mir Englisch als Lieblingsfach sofort abgeschminkt (removed the make-up??). Schließlich gilt es in einer Sprache auch Grammatikregeln (und Ausnahmen!) zu meistern, ganz zu schweigen von Redewendungen, verschiedenen Sprachregistern und stilistischen Elementen.

Aber nicht nur eine sehr hohe sprachliche Kompetenz in der Fremd- (oder Zweit-) und Muttersprache ist für Übersetzer absolut notwendig, auch andere Fähigkeiten und Eigenschaften sind unerlässlich: Neugierde und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen, teilweise komplexen Themen, eine genaue Arbeitsweise und Durchhaltevermögen (etwa bei der Recherche nach dem richtigen Fachbegriff), ein gutes Vorstellungsvermögen, beispielsweise bei wissenschaftlichen Inhalten oder wenn der Ausgangstext sprachlich ungenauer formuliert ist, als es der Zieltext zulässt. Auch ist ein gewisses technisches Verständnis aufgrund unserer Arbeit mit computergestützten Tools und Programmen sowie Kundenorientierung ein Muss.

Ich frage mich, ob die sprachlichen Aspekte künftigen Übersetzern sowieso leichter fallen. Schließlich ist Deutschland multikultureller geworden, die Zahl der bilingualen Kitas hat sich von 2004 bis 2014 mehr als verdreifacht¹ und der Erwerb einer Fremdsprache, vorwiegend des Englischen, beginnt in allen deutschen Bundesländern nun bereits in der Grundschule². Auch an deutschen Universitäten werden immer mehr Kurse verschiedener Fachrichtungen auf Englisch gehalten.

Mensch gegen Maschine?

Ist es daher überhaupt noch nötig, Übersetzungen englischer Texte anzufertigen? Und werden menschliche Übersetzer durch den Einsatz maschineller Übersetzungen nicht etwa überflüssig? Schließlich werden die Übersetzungsprogramme technisch immer ausgereifter, sind mittlerweile oft auch „lernfähig“ und beziehen den Kontext ein. Als ich vor etwa zehn Jahren in den USA im Ortsverband der American Translators Association aktiv war, war dies ein häufiges Thema unter Übersetzern und so mancher machte sich Sorgen um die Zukunft unserer Zunft.

Derartige Bedenken stehen mittlerweile nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr gibt es immer mehr Stellen für Übersetzer und Dolmetscher, wie auch der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) jüngst bestätigte: In den letzten vier Jahren, zwischen Dezember 2012 und September 2016, stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Übersetzer und Dolmetscher um etwa 25 %³. Durch Internet und Globalisierung explodierte die Menge der Texte, die Menschen in verschiedenen Teilen der Erde in ihrer Sprache und möglichst zeitnah zur Verfügung stehen sollten. Alle derartigen Informationen professionell übersetzen zu lassen, ist schon zeitlich kaum machbar und wäre außerdem zu kostspielig. Maschinelle Übersetzung hat ihren Platz, etwa auf den Supportseiten von Microsoft4. Dort ermutigt das Unternehmen sogar ihre Nutzer, Korrekturvorschläge einzureichen, wodurch es ohne viel Mehrkosten die Qualität bereits übersetzter und künftig zu übersetzender Inhalte verbessern kann.

Meinetwegen können computergestützte Tools die Übersetzung repetitiver Texte übernehmen, mir sind Schmankerl sowieso wesentlich lieber als massenweise Fast Food. Bei Texten mit sehr wichtigen Informationen oder solchen, die Leser emotional ansprechen sollen, geht es nämlich nicht ohne den menschlichen Touch.

 

26 Buchstaben, die es in sich haben

Denn wenn es auch nur 26 Buchstaben sind, die wir tagein, tagaus immer wieder neu kombinieren, so kann das Ergebnis Erstaunliches bewirken: informieren, die Welt verändern, begeistern, Produkte verkaufen, rechtsgültige Verträge schließen, Menschen zum Lachen oder Weinen bringen.

Und mit Letzterem meine ich natürlich nicht aufgrund schräg übersetzter Gebrauchsanweisungen, obwohl ihnen dies auch gelingen kann, etwa in „Stippel A kaum abbiegen und verklappen in Gegenstippel B“ oder „Wenn Sie genug Tornado-Leim bestreicht haben drücken Sie fest das Bein F1 ganz sofort neben dem Klotz 1 in das Loch 1 auf der Traversplatte5“.

Der Weg zu unserem Beruf, mag er auch lang und steinig sein, lohnt sich – noch immer oder womöglich immer mehr!


[1] Studie des FMKS e. V. von 2014 (http://www.fmks-online.de/download.html)

[2] „Frühes Fremdsprachenlernen in Deutschland“, Website des Goethe-Instituts (http://www.goethe.de/lhr/prj/ffl/siu/de7512487.htm)

[3] https://www.facebook.com/BDUeeV

[4] https://support.microsoft.com/de-de/help/14149/machine-translation-of-microsoft-support-pages

[5] Auf http://www.t-online.de/heim-garten/wohnen/id_45493280/unverstaendliche-und-kuriose-bedienungsanleitungen.html gefunden

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