Die Kommunikation verabscheut das Leere

von Brian George Worthen, aus dem Englischen von Manuel Baer

Viele finden die Redewendung „nature abhors a vacuum“ (Die Natur verabscheut das Leere) ein wenig seltsam. Englisch-Muttersprachler verwenden sie relativ häufig, wobei sie „abhor“, die englische Entsprechung von „verabscheuen“, im Alltag sonst kaum in den Mund nehmen. Ausgenommen davon ist natürlich besagte Wendung, in der das Wort mit „nature“ und „a vacuum.“ kollokiert. Wo für den Deutschen klar ist, wie ein Punkt bei Anführungszeichen korrekt zu setzen ist, birgt das Arrangement besagter Satzzeichen für Briten und Amerikaner über die reinen Begrifflichkeiten („full stop“/„period“) hinaus Diskussionsstoff. Als Nicht-Englisch-Muttersprachler fragen Sie sich bestimmt sowieso, worauf ich eigentlich hinauswill – wobei Sie es vermutlich anders formulieren würden. Ich für meinen Teil würde dabei auf jeden Fall auf das eine oder andere Schimpfwort zurückgreifen.

Für meine ebenso sprachverliebten Kollegen und mich sind solch scheinbar zusammenhangslose Gedankenspiele jedenfalls an der Tagesordnung. Jeder Mensch hat so sein Steckenpferd: Der eine ist eingefleischter Cineast, der andere kann nicht genug von Formel-1-Rennen bekommen und wieder ein anderer kocht für sein Leben gern. Bei mir sind es, abgesehen davon, dass ich gerne esse, eben seit langer Zeit Sprachen, die meinen Geist beflügeln, mich auf Touren bringen und mir zumindest sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Brian Worthen

Übersetzen – komplexer, als manch einer denkt

Wer sein Vokabular gern erweitert, schlägt also vielleicht nach, wie sich die Bedeutung von „Nature abhors a vacuum“ in anderen Sprachen wiedergeben lässt – was ich natürlich gleich getan habe. Aber nur echte Sprachliebhaber beißen sich sofort an einem merkwürdigen Unterschied fest: Im Englischen enthält das Sprichwort einen Nullartikel, also kein „a/an/the“ vor „nature“, und einen unbestimmten Artikel („a“ vor „vacuum“), wogegen es im Deutschen zwei bestimmte Artikel sind – „die“ für weibliche und „das“ für sächliche Substantive –, wo das Englische mit einem einfachen „the“ nicht unterscheidet. Genau dieses Auge fürs Detail, gepaart mit einem unstillbaren Verlangen, ihr Wissen und Sprachbewusstsein zu erweitern, unterscheidet Menschen, die sich eher beiläufig für Sprachen interessieren, von Profis, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen.

Dazu passt eines meiner Lieblingswörter wie die Faust aufs Auge: sprachgefühl. Es beschreibt ein Konzept, das nicht nur dafür entscheidend ist, Sprachen zu lernen und fließend zu sprechen, sondern auch für das Übersetzen und Dolmetschen. Das englischsprachige Online-Wörterbuch Merriam-Webster.com definiert dieses Wort, welches das Englische aus dem Deutschen entlehnt hat, als „intuitives Gespür für angemessenen Sprachgebrauch“ – eine treffende Beschreibung dafür, wenn Menschen sich beim Schreiben, Lesen, Sprechen und Zuhören in ihrer Muttersprache eher auf ihr Bauchgefühl als auf rationale Überlegungen stützen. Dass der Spracherwerb in einer Fremdsprache wesentlich anspruchsvoller ist, verwundert kaum: Menschen entwickeln unabhängig von der Sprache nur dann ein muttersprachliches Sprachgefühl, wenn sie eine Sprache viele Jahre lang im Alltag, vorzugsweise mit Muttersprachlern, verwenden. Eine Zehnjährige etwa beherrscht ihre Muttersprache um ein Vielfaches besser als eine Zweijährige. Allerdings verbessern sich die Sprachenkenntnisse der Ersteren in den nächsten zehn Jahren nochmals deutlich. Warum erwarten also so viele Menschen, eine Fremdsprache in ein paar Monaten, oder gar Wochen, zu beherrschen – was allein im Klassenzimmer sowieso nicht gelingen kann?

Photo credit: Wokandapix

Fremdsprachen – nur etwas für Kenner

Und wen interessiert das überhaupt? Mich auf jeden Fall: als Sprachliebhaber, Linguist und vor allem – seit 2004 – auch als professioneller Übersetzer. Zugegebenermaßen ärgert es mich, oder besser gesagt regt es mich tierisch auf, dass derart viele Nichtmuttersprachler ihre Kenntnisse in meiner Muttersprache so gnadenlos überschätzen. Andererseits tappen auch Muttersprachler immer wieder in Fallen – denn Irren ist eben menschlich.

Auch wenn ich nun Gefahr laufe, vom Thema abzukommen: Die oben erwähnte Zehnjährige hätte nie Muttersprachlerniveau erreicht, wenn sie in ihrer Muttersprache nicht Tausende Fehler gemacht hätte. Man denke nur einmal daran, was man aus dem Mund von Kleinkindern hört. Ihr Vokabular ist sehr begrenzt, die Aussprache eher ungenau, der Satzbau fehlerhaft und die Grammatik, nun ja, eben kindlich – was wohlgemerkt insgesamt eine absolut liebenswerte Sprache ergibt. Aber nicht umsonst möchte ich auf genau diese vielen Fehler hinweisen. Denn nur zu oft geht es im Fremdsprachenunterricht darum, Fehler um jeden Preis zu vermeiden, sogenannte Regeln auswendig zu lernen und stundenlang willkürliche Vokabellisten herunterzubeten, die oft kaum relevant für die alltägliche Kommunikation unter Muttersprachlern sind. Aber ich merke, ich komme vom Thema ab …

Was ich sagen will, ist, dass nur Muttersprachler ein muttersprachliches Sprachgefühl haben. Das bedeutet, dass kein Muttersprachler „custom“ (Brauch) mit „customs“ (Zoll) verwechseln würde. Ebenso ist es bei „costumes“, das weder regionale noch traditionelle Kleidung, sondern Kostüme beschreibt. Ein Cocktailkleid etwa ist zwar schicke Kleidung, also „fancy attire“, nicht jedoch „fancy dress“ – denn das ist der britische Ausdruck für das amerikanische „costume“. In den USA ist es beispielsweise üblich, sich an Halloween als Vampir zu verkleiden. Viele Bayern gehen in Tracht (traditional dress – mit Nullartikel!) aufs Oktoberfest, wo Kostüme (costumes) nicht zum Brauchtum (custom) gehören – ganz im Gegensatz zum Bier. Und das wird in Bayern literweise getrunken, aus Glas- und nicht aus Steingutkrügen. Wenn meine Landsleute zu Besuch nach München kommen, können sie oft kaum glauben, dass ein Literkrug in Deutschland nicht „stein“ heißt – ein Irrglaube, der in den USA weit verbreitet ist. Das liegt dem Menschen leider im Blut: Je überzeugter wir davon sind, recht zu haben, desto weniger sind wir dazu bereit, uns unsere Irrtümer einzugestehen.

Deine Kultur oder meine?

Auch wir bei BVIW können mal danebenliegen, was aber nichts daran ändert, dass wir Profis in unserer Muttersprache sind. Jeder von uns, der ins Englische übersetzt, hat die Sprache von klein auf gelernt. Dadurch profitieren Sie als Kunden von unserer muttersprachlichen Kompetenz sowie unserem geschulten Auge und Know-how in unserer jeweiligen Heimatkultur, die wir für Ihre Kommunikation mit Menschen in anderen Ländern einsetzen. Denn Ihre Fremdsprache ist unsere Muttersprache.

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