Die Macht der Verhörer

von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Maria Wolf

Wer Shakespeare liest, erkennt sofort, dass Sprache sich entwickelt; deshalb brauchen wir Übersetzungen, die im Hier und Jetzt verwurzelt sind. Aber auch Begriffe wie broads und hooch, mit denen man noch vor nicht allzu langer Zeit im Englischen Frauen und Fusel bezeichnete, werden zwar immer noch verstanden, gelten aber als veraltet. Und was meine Eltern noch als dungarees bezeichnen mögen, ziehe ich mir längst als Jeans an.

Howard be thy name oder Der weiße Neger Wumbaba

Neben diesen nachvollziehbaren Veränderungen gibt es weitaus subtilere Entwicklungen. Ein schönes Beispiel aus dem Englischen ist die Entstehung der Bezeichnung nickname (zu Deutsch: Spitzname): Alles begann vor ein paar Jahrhunderten mit dem Wort ekename. Eke bedeutet „zusätzlich“ oder „ebenso“ und erfordert den unbestimmten Artikel an vor dem Anfangsvokal. Mit der Zeit wanderte das „n“ zum Hauptwort, und so mutierte an eke name zu a nekename und schließlich zum heutigen nickname.

Kristin Fehlauer

Auch wenn solche Wortwandlungen vor allem ein Charakteristikum der gesprochenen Sprache sein müssten und die relativ stabile, kodifizierte Schriftsprache davor gefeit sein sollte, prägen auch heute noch Verhörer unsere Sprachen. So liest man im Englischen gelegentlich für jemanden, der unterwürfig ständig auf Abruf bereitsteht, den Ausdruck beckon call statt der korrekten Redewendung beck and call. Beck ist ein nahezu ausgestorbenes Wort, das nur noch in der Redewendung beck and call überlebt, aber eine Kurzform des heute noch verwendeten beckon (zu Deutsch: winken, herbeiwinken) ist. Beckon call ist ein grammatisch und semantisch absurder Verhörer, aber inhaltlich nicht unlogisch, und hat daher gute Chancen, sich gegen die etablierte – nicht viel sinnvollere – Redewendung beck and call durchzusetzen.

• They expect him to be constantly at their beck and call.
• They expect him to be constantly at their beckon call.

Den richtigen Gebrauch eines Begriffs oder einer Wendung lernt man in der Regel aus dem Kontext und je öfter man ihn hört. Dennoch bahnt sich hin und wieder eine missbräuchliche Verwendung ihren Weg in den Wortschatz. Einmal sollte eine Kommilitonin das Wort pastime (zu Deutsch: Zeitvertreib) erklären.

Sie behauptete, das Wort hätte etwas mit der Vergangenheit past zu tun, und untermauerte dies mit dem Beispiel, dass Baseball als Amerikas pastime bezeichnet würde, weil dieser Sport in der nordamerikanischen Geschichte einen so großen Platz einnehme. Woher sollte sie es auch anders wissen? Sie war amerikanische Muttersprachlerin, intelligent, gebildet und ungeachtet ihres Irrglaubens recht erfolgreich. Sie kam schlicht nicht auf den Gedanken, ein Wort nachzuschlagen, dessen Bedeutung sie mit Sicherheit zu kennen glaubte. Und selbst wenn sie nachgeschlagen hätte, wären die Beispielsätze nicht unbedingt erhellend gewesen, wie ein Online-Test beweist:

• Not a noble pastime for one who will wed our next ruler, the second said with a frown.
• Bowls, the oldest British outdoor pastime, next to archery, still in vogue.
• The pastime found favor with the Stuarts.

Alle drei Beispiele könnten als Argument zugunsten der Annahme ausgelegt werden, pastime hätte etwas mit Vergangenheit zu tun. Auch scheint es näherliegend, dass sich das Wort aus past (Vergangenheit) und time (Zeit) zusammensetzt, als dass es etwas mit pass the time (Zeit vertreiben) zu tun haben soll.

Photo credit: Wes Carpani

Erst kürzlich stolperte ich über ein anderes Beispiel hier in unserem Büro. Richard und ich diskutierten über das Wort idyll. Während er damit einen physischen, geografischen Ort verbindet, verstehe ich darunter einen Zustand, ein Erlebnis oder ein Geschehen. Beim Blick ins Cambridge Online Dictionary stießen wir auf folgenden Beispielsatz:

• Every year thousands of people flee the big cities in search of the pastoral/rural idyll.

Der Satz ist insofern nicht hilfreich, als er beide Interpretationen zulässt. Ist es bei so vielen zweideutigen Erläuterungen verwunderlich, dass einem die wahre Bedeutung eines Wortes verschlossen bleibt? Eine unbewusste Fehlinterpretation kann sich im eigenen Sprachgebrauch einnisten und so einen Dominoeffekt auslösen – oder wie der amerikanische Comiczeichner Scott Adams seinen Dilbert sagen lässt: „Wenn ein paar Intellektuelle ein Wort nur oft genug falsch verwenden, wird es allgemeiner Sprachgebrauch.“

Wenn man die Entwicklung der Sprache – speziell des Englischen – näher betrachtet, lassen sich grob drei Phasen erkennen: Zunächst kann eine Gesellschaft zwar lesen und schreiben, die Rechtschreibung ist jedoch beliebig. Ohne Rechtschreibwörterbuch gibt es keine Möglichkeit, die Schreibweise zu prüfen (da das frühe Englisch ein Sammelsurium verschiedener Sprachen war, gab es verständlicherweise alle erdenklichen Schreibweisen). In Phase zwei wird die Sprache kodifiziert: Standardwerke und Standardschreibweisen werden festgelegt, und auf einmal gibt es – sowohl orthographisch als auch grammatikalisch – richtige und falsche Schreibweisen.

Wir befinden uns meines Erachtens gerade in einer dritten Phase, in der digitale Werkzeuge die Funktion der Rechtschreibprüfung und Autokorrektur übernehmen. Der Zwischenschritt, bei dem ein Autor ahnt, dass etwas fehlerhaft sein könnte, und es nochmal prüfen möchte, ist quasi dem Rotstift zum Opfer gefallen. Sind wir drauf und dran, den gesunden Zweifel auszumerzen, der immerhin auf so viel Wissen basiert, dass man erkennt, wann Nachschlagen angebracht ist? Diese digitalen Werkzeuge sind sicherlich praktisch und ein Segen für diejenigen, die jeglichen Gespürs für Orthographie entbehren. Aber werfen wir dabei nicht eine entscheidende Fähigkeit über Bord?

R U ready? oder ALKLA?

In gewisser Weise verdeutlichen Lexika und Nachschlagewerke, wie sich Sprache entwickelt. Neue aktualisierte und ergänzte Auflagen spiegeln Änderungen des allgemein akzeptierten Sprachgebrauchs wider. Noch heute ist es eine Schlagzeile wert, wenn das Oxford English Dictionary neue Wörter in den Sprachschatz aufnimmt. Aber gelten diese Nachschlagewerke immer noch als Referenz? Haben wir die Regeln nicht längst aufgeweicht? Was wird aus der Orthographie, wenn Schönschrift und Rechtschreibung in unseren Schulen weiter vernachlässigt oder sogar ganz vom Lehrplan gestrichen werden und sich die SMS-Sprache weiter ausbreitet? Zahlreiche Webseiten machen sich über Tipp- und Grammatikfehler anderer Leute lustig. Bald wird es aber kaum noch Menschen geben, die Fehler überhaupt noch zu erkennen vermögen.

Wir bei BVIW müssen uns mit diesen Fragen ständig auseinandersetzen, Trends und Änderungen des Sprachgebrauchs beobachten und uns gegebenenfalls anpassen: Schreibweisen ändern sich, Fremdwörter werden annektiert, Bedeutungen verschieben sich. Nicht zuletzt spiegelt der Wortschatz einer Sprache den Integrationsgrad von Neuerungen wider.

Wir prägen und gestalten Sprache aber auch aktiv. Oft müssen wir entscheiden, in welcher Bedeutung ein Wort verwendet werden soll. Dies kann weitreichende Folgen haben. In den letzten Jahren haben wir immer wieder über den Unterschied zwischen den scheinbar austauschbaren Begriffen digitization und digitalization diskutiert. Schließlich haben wir für BVIW festgelegt, dass digitization bedeutet, etwas in ein digitales (im Gegensatz zu analoges) Format zu bringen, während digitalization den Prozess der Integration von Digital- und Online-Technologien in ein Geschäft bezeichnet.

Es bleibt spannend an der Sprachfront!

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