Kopfzerbrechen um eine interkulturelle Hochzeit

von Thibaut Mollard, übersetzt von Manuel Baer

Eine Hochzeit zu organisieren, ist bekanntlich ein Mammutprojekt, für das man nicht nur Nerven wie Drahtseile, sondern auch eine Engelsgeduld braucht. Gerade junge Paare plagt häufig die Sorge, irgendetwas zu vergessen oder Erwartungen nicht gerecht zu werden. Dabei gäbe es doch als Orientierungshilfe Traditionen und Bräuche rund um den Bund der Ehe zuhauf. Doch wie sieht das Ganze aus, wenn die angehenden Eheleute aus verschiedenen Ländern stammen, und inwiefern hilft es, mit beiden Kulturen vertraut zu sein?

Diese durchaus berechtigte Frage hat mich 2017 und 2018 sehr beschäftigt. Am prägnantesten ist dabei zunächst die Sprachbarriere, welche die Kommunikation erschwert. Doch auch kulturelle Unterschiede bergen großes Potenzial für Verständnisprobleme. Und das selbst, wenn es hier nur um eine deutsch-französische Hochzeit mit – zumindest der landläufigen Meinung nach – recht ähnlichen Kulturen geht.

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Zunächst gilt es zu klären, wo die Hochzeit überhaupt stattfinden soll. Dies ist nicht nur eine Frage des geografischen Austragungsorts, sondern auch, ob wie in Deutschland üblich in einem Restaurant oder nach französischem Habitus in einem Festsaal gefeiert werden soll. Da letzterer mehr Spielraum lässt, um die Gäste aus beiden Ländern gleichermaßen zu beglücken, ist die Entscheidung nicht schwierig. Um alles vor Ort vorbereiten zu können, fällt die Wahl auf Deutschland.

Damit steht zwar der Ort, aber noch kein Termin. Hier sind sich Braut und Bräutigam ausnahmsweise einmal einig: Die standesamtliche und kirchliche Trauung sollen beide am selben Tag – wie in Frankreich üblich an einem Samstag – stattfinden, um das Urlaubs- und Reisebudget der französischen Gäste nicht zu sprengen. Alles wäre perfekt, hätten die deutschen Behörden dem Vorhaben keine Steine in den Weg gelegt – denn hierzulande haben die Standesämter samstags normalerweise geschlossen. Klar: Anders als die Franzosen, die alles in einem Aufwasch machen, feiern die Deutschen ihre standesamtliche Trauung im kleineren Kreis unter der Woche, vor den Altar inklusive großem Fest geht es dann ein andermal. Schließlich haben wir aber doch Glück und finden ein Rathaus, das uns auch am Samstag traut.

Ort und Zeit sind also geklärt – klasse! Weiter geht‘s mit den Hochzeitskarten. Sollen wir sie auf Deutsch oder Französisch schreiben? Es führt kein Weg daran vorbei, beide Sprachvarianten zu verfassen und den Inhalt jeweils ein wenig anzupassen, damit bei allen Empfängern dieselbe Botschaft ankommt; selbiges gilt für die Ansprachen und Speisekarten. Falls Ihnen das nicht ganz einleuchtet: Kein Problem, hier erfahren Sie mehr über die Besonderheiten von Redaktion und Übersetzung.

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Überspringen wir im Ablauf die standesamtliche und kirchliche Trauung, deren Organisation abgesehen von der Frage der Religion des Brautpaars und des Auszugs aus der Kirche relativ einfach ist, und konzentrieren uns auf das, worauf die meisten, insbesondere Franzosen, bei solchen Festen besonders hinfiebern: das Essen.

Und da wird es dann auch langsam kompliziert. Der folgende, höchstens leicht überspitzte Dialog soll die Schwierigkeiten veranschaulichen. Jean und Lisa heißen in Wirklichkeit anders – jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig und unbeabsichtigt. Hoffnungslose Romantiker und Idealisten sollten den folgenden Abschnitt besser überspringen.

Lisa: Okay, so weit ist alles klar, wie sieht‘s mit dem Essen aus?“

Jean: Gute Frage. Für den Aperitif würde ich Champagner vorschlagen. Anschließend vielleicht Gänseleberpastete oder Schnecken und dann Langustenschwänze? Als Hauptgang Rinderfilet und zwischen den Gängen einen Willi? Käse und Hochzeitstorte verstehen sich von selbst …

Lisa: Halt, stopp! Wir wollen doch nicht den ganzen Tag lang nur essen, schließlich geht es um etwas ganz anderes! Einen Aperitif brauchen wir schon mal nicht. Und wir können den Deutschen unmöglich wie bei euren Gelagen Fisch und Fleisch servieren. Wir müssen uns für eines entscheiden. Und auch das Eis mit Birnenschnaps zwischen Fisch und Fleisch wird sie überfordern. Die denken ja, das wäre schon der Nachtisch. Überhaupt hatte ich eher an eine leckere Suppe, einen Schweinebraten und ein Nachtischbuffet gedacht. Wir beginnen um 18 Uhr, damit wir spätestens um 19:30 Uhr fertig sind und noch genug Zeit zum Feiern haben. Kein Mensch will über zwei Stunden beim Essen verbringen.

Jean: Na, dann können wir es auch gleich bei einer Brotzeit belassen, das geht noch schneller. Aber ernsthaft: Willst du die französischen Gäste wirklich um 18 Uhr zum Essen antreten lassen? Bei uns fängt man vor 20 Uhr gar nicht erst an. Und dann Suppe zur Vorspeise? Soll das eine Hochzeit oder ein Leichenschmaus werden?

Lisa: War nur Spaß, lass uns nicht streiten. Ich meine nur, wir kennen uns lang genug, um zu wissen, dass es nicht ohne Kompromisse geht. Am besten überlegen wir uns ein Menü, das unsere Vorlieben in beiden Kulturen vereint. Schinken und Salami zum Beispiel sind in Deutschland ebenso beliebt wie in Frankreich. Beim Fleisch wäre ich für Ente.

Jean: Tolle Idee! Du hast recht. Wir suchen uns einfach aus, was uns beiden gefällt, und mischen das Beste beider Länder.

Anschließend suchen die beiden ohne weitere Meinungsverschiedenheiten die Speisen für ihren großen Tag aus. Bleibt also nur noch eine letzte Frage.

Jean: Und was machen wir am Tag nach der Hochzeit?

Lisa: Was soll am Tag danach schon sein? Ich hoffe doch, dass dann alle abgereist sind, damit wir richtig ausschlafen können.

Damit sich der Besuch der Franzosen auch wirklich lohnt und um ihnen vor der Abreise noch eine Stärkung zukommen zu lassen, entscheidet man sich, die Feierlichkeiten nach französischem Brauch noch auf den „Morgen danach“ auszuweiten. Deutsche dürfen selbstverständlich ebenfalls beiwohnen. Nach reiflicher Überlegung fällt die Wahl auf ein deutsches Frühstück, oder eher einen Brunch, um den Gästen keinen Kulturschock zuzumuten.

Nach monatelanger Organisation ist der große Tag dann, pünktlich wie die Deutschen, gekommen (nichts für ungut, liebe Franzosen): Die französischen Gäste sind baff, dass das Abendessen bereits um 18 Uhr beginnt, während die Deutschen sich wundern, wo denn nun das Restaurant abgeblieben ist. Dank der Berücksichtigung der Eigenheiten der beiden Nationalitäten und trotz kleiner Überraschungen erleben alle Gäste eine tolle Hochzeitsfeier und ein großartiges Wochenende. Die frisch Vermählten bekommen ihre Traumhochzeit, die ihnen auf ewig im Gedächtnis bleiben wird.

In diesem Sinne: ein Hoch auf das Brautpaar!

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