Elektromobilität zum Anfassen

von Richard Peters, aus dem Englischen von Solveig Rose

Vor Kurzem beschlossen wir, neue Fotos für die Webseite von BVIW zu schießen. Da ich am Tag des Fotoshootings einige Hemden und einen Anzug zum Wechseln dabei hatte, ließ ich mein Rad, mit dem ich gewöhnlich zur Arbeit fahre, stehen und nahm das Auto. Ich habe keinen eigenen Wagen, bin aber bei DriveNow angemeldet, einem der beiden größten Carsharing-Anbieter in München (der andere ist Car2Go). Mit meiner Smartphone-App reservierte ich daher ein Auto in unmittelbarer Nähe, einen vollelektrischen BMW i3, und machte mich auf den Weg. Als ich den Wagen erreichte, entriegelte ich ihn mit meinem Smartphone – für jemanden, der die Hälfte seines Lebens damit verbracht hat, seine Schlüssel zu suchen, eine ziemlich coole Sache –, warf meine Taschen auf die Rückbank und stieg ein.

Richard Peters

Ekstatischer Höhenflug

Als ich hinter dem Steuer saß, stach mir sofort die moderne Ausstattung ins Auge: Es gab kein Zündschloss, stattdessen musste ich eine PIN auf dem Touchscreen des Autos eingeben. Dann ging es los. Es faszinierte mich, dass das Elektroauto vollkommen geräuschlos dahinglitt und so rasant beschleunigte wie in einem Computerspiel (wobei ich mich natürlich strikt an das jeweilige Tempolimit hielt).

Klar, man hört wo man geht und steht über diese neuen Entwicklungen. Aber es war etwas völlig anderes, die hochmodernen Technologien des 21. Jahrhunderts auf meinem Arbeitsweg hautnah zu erleben! Ich kannte die Konzepte von vielen Übersetzungen her. Aber statt nur über die tiefgreifenden Veränderungen in der Automobilindustrie zu schreiben, erfuhr ich sie hier am eigenen Leib. Utopie zum Greifen nah! Ich stieg in die Sharing Economy ein und leistete gleichzeitig einen Beitrag zu Deutschlands Energiewende, die fossile Brennstoffe durch neue Energieformen ersetzen will. Und das alles vor meinem ersten Kaffee!

Kalte Dusche

Es stellte sich heraus, dass sich eben dieser erste, nicht konsumierte Kaffee maßgeblich auf den Verlauf des Tages auswirken sollte. Nachdem ich auf meiner fünfminütigen Fahrt zum Büro den Gipfel der Modernität erklommen hatte, machte ich mich mit meinen Kollegen, zwar immer noch im Sharing-Modus, allerdings diesmal im herkömmlichen Taxi, auf den Weg zum Fotoshooting. Erst dort bemerkte ich, als ich meine Nachrichten abrufen wollte, dass ich mein Handy in dem i3 vergessen hatte – der blanke Horror! Kaum eine Stunde nach meinem Höhenflug in der Ekstase modernster Elektromobilität ergriff nun ein nicht minder modernes Übel von mir Besitz: Handyentzug. Das Schlimmste dabei: Nachdem ich mein Handy IM Auto vergessen hatte, hatte ich dieses auch nicht abgeschlossen – denn dazu hätte ich die App benutzen müssen.

Verzweifelt und leicht panisch versuchte ich, das Problem aus der Ferne zu lösen. Gleichzeitig machte ein kleiner, kühl kalkulierender Teil meiner Selbst eine interessante Feststellung: Zwar mögen Apps unseren Umgang mit Dienstleistungen verändert haben, doch vertrauen wir in unvorhergesehenen Situationen nach wie vor auf menschliche Interaktion. Denn letztlich hat die App keinen Button, der alle Probleme löst. Und selbst wenn sie einen besäße, hätte er mir nichts genutzt: Mein Handy lag meilenweit entfernt unschuldig auf dem Beifahrersitz eines unabgeschlossenen Autos vor meinem Büro.

Photo credit: Alex Holyoake

Banges Hoffen

Mithilfe des Smartphones eines Kollegen machte ich im Internet eine Servicenummer von DriveNow ausfindig. Nervös rief ich an. Würde mir der rettende Mensch am anderen Ende der Leitung helfen können? Gab es die Möglichkeit, das Auto für mich abzuschließen und so mein Handy in Sicherheit zu bringen? Würde DriveNow andere Interessenten daran hindern können, das Auto zu mieten, solange sich mein Smartphone noch darin befand? Oder würde man mich damit bescheiden, man könne nichts für mich tun? Würde ich mein Handy, meine Fotos, all meine Apps je wiedersehen?

Über das (fremde) Handy verkündete mir mein Gesprächspartner eine gute und eine schlechte Nachricht: Da ich das Auto nicht abgesperrt hatte, war es noch immer an mich vergeben – und ich zahlte jede Sekunde für das Vergnügen, vor der Arbeit parken zu dürfen. Zumindest hieß dies jedoch, dass niemand anders den Wagen in meiner Abwesenheit buchen konnte. Leider bedeutete es aber nicht auch automatisch, dass niemand sich einfach hineinsetzen und losfahren, oder auch nur die Tür öffnen und mein Handy einstecken konnte. Der BMW war ja nach wie vor unverschlossen.

Glückliche Fügung

Glücklicherweise ergab die findige Technik von DriveNow, dass sich der Wagen noch dort befand, wo ich ihn abgestellt hatte. Auch konnte der Kundendienst die Miete für mich von der Zentrale aus aufheben, sodass ich nicht weiterhin zahlte, und den Wagen dann erneut für mich reservieren. Ich brauchte mich nur in ein (fremdes) Auto zu schwingen, zurück zum Büro zu fahren, mein Handy zu nehmen, den Mietvorgang zu starten und sofort wieder zu beenden, um so den Wagen für den nächsten Nutzer freizugeben. Was ich ordnungsgemäß tat. Als ich das Büro erreichte, stand der BMW i3 zu meiner großen Erleichterung genau dort, wo ich ihn abgestellt hatte. Und auch mein Smartphone lag noch auf dem Beifahrersitz.

Welch eine Aufregung! Fünf Minuten Fahrspaß am Steuer eines Elektroautos hatten dazu geführt, dass ich zwei Stunden lang mit einem benzinbetriebenen Wagen durch den Stadtverkehr gegurkt war. Eine kleine Unachtsamkeit hatte mich dem Wohlwollen eines weit entfernten Callcenter-Mitarbeiters ausgeliefert. Und auch machten sich Gewissensbisse bemerkbar, dass ich in meiner hemmungslosen Begeisterung darüber, in einem Elektroauto – einem funkelnden, nigelnagelneuen Spielzeug – zu sitzen, mein geliebtes, treues Smartphone schmählich vergessen hatte.

Schmerzhafte Lehren

Ich sehe die Geschichte als Warnung davor, sich von Technologie so benebeln zu lassen, dass man alles um sich herum vergisst. Zur allgemeinen Beruhigung kann ich aber sagen, dass ich kürzlich, nach einer langen Verarbeitungsphase, mein Trauma überwunden und DriveNow erneut genutzt habe. Ich muss wohl nicht betonen, dass sich mein Handy nun immer in Griffweite befindet.

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