Englisch vs. Deutsch – und was Katzenfreunde und Hundehalter damit zu tun haben

Von Richard Peters; aus dem Englischen von Julia Harwardt

Sprachwissenschaft für Liebhaber

Das Deutsche gilt weltweit als erste Wahl für alle, die angesichts komplexer Regeln, Syntaxfragen und sprachlicher Eigenarten geradezu in Verzückung geraten. Wer seine Zeit gerne mit Modalpartikeln, Nebensätzen, starken Verben und interessanten Umlauten verbringt, kann sich hier so richtig austoben. Eines der besonderen Schmankerl, die das Deutsche vor allem für den englischen Muttersprachler bereithält, ist wohl die Flexion oder auch Beugung, welche die grammatikalische Funktion von Nomen, Pronomen und Adjektiven verrät.

Das Englische kommt, anders als viele seiner Verwandten der indogermanischen Sprachfamilie, blendend ohne die fall- und geschlechtsabhängige Bestimmung von Nomen zurecht und begnügt sich damit, lediglich zwischen Singular und Plural zu unterscheiden. Im Deutschen hingegen wimmelt es regelrecht von Flexionen, mit denen nicht nur der Numerus (also die Anzahl), sondern auch Genus (das Geschlecht) und Kasus (der Fall) angegeben werden. Angesichts der engen Verwandtschaft beider Sprachen trifft dies jeden Deutschschüler aus ziemlich heiterem Himmel – wer jedoch in die Fußstapfen von Goethe und Rilke treten will, den führt kein Weg daran vorbei.

Richard Peters

Der, die das: Wieso, weshalb, warum?

Wenden wir uns zunächst der Geschlechterfrage zu: Das Englische ist eine der wenigen indogermanischen Sprachen, die auf dem Auge der Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Nomen recht blind sind und sie kompromisslos gleich behandeln. Der Versuch einer rationalen Antwort auf die Frage, warum bestimmte Wörter (vielleicht nicht gerade die offensichtlichsten wie Frau oder Mann) als männlich bzw. weiblich betrachtet werden, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Natürlich wird immer wieder darüber gerätselt und debattiert, warum der Franzose die Sonne als männlich und den Mond als weiblich erachtet, während seine deutschen Nachbarn hier eine ganz andere Weltanschauung vertreten – erwarten Sie aber nicht, dass wir dazu jemals eine abschließende Erklärung erhalten.

Die meisten Sprachen Europas belassen es bei zwei Geschlechtern. Das Deutsche setzt hier jedoch noch eins obendrauf und kennt zudem – genauso wie heute das Russische und andere slawische Sprachen sowie früher Latein und Sanskrit – das Neutrum. Jeder, der von Kindesbeinen an ein einfaches „the“ vor seine Nomen setzt, findet sich hier unvermittelt in befremdlichem Neuland wieder. Hier und da scheint die deutsche Sprache bei der Wahl des grammatikalischen Geschlechts gewissen Regeln zu folgen. Diese Regeln sind gewöhnlich aber wenig mehr als der Versuch, Ordnung in das ansonsten eher chaotische System zu bringen, nach dem einem Nomen ein Geschlecht „verpasst“ wird; und die zahlreichen Ausnahmen tun ihr Übriges, um fast alle Eselsbrücken genüsslich in Grund und Boden zu stampfen.

Wer beißt hier wen?

Begleiten Sie mich jetzt auf einen kurzen Exkurs in die Fallfrage, die wohl genug Potenzial für einen eigenen Blog bietet. Das Englische markiert die grammatikalische Funktion eines Satzelements weitgehend durch seine Stellung im Satz; andere Sprachen, darunter das Deutsche, kleiden ihre Wörter sichtbar mit dieser Information aus und öffnen so Tür und Tor für verschiedenste Satzstrukturen. Was ich damit meine, werde ich später am Beispiel einer Katzenfreundin und eines Hundehalters mit womöglich ambivalenter Beziehung zu ihrem Haustier verdeutlichen …Das Deutsche verwendet vier Fälle: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Durch die kaususabhängige Deklination wird klar, ob ein Wort das Subjekt eines Satzes, ein Possessivpronomen, ein direktes oder ein indirektes Objekt ist. Statt das Nomen selbst zu verändern (was allerdings auch vorkommt), wird der Artikel dekliniert.

German Grammar

Artikel: der Höhepunkt einer verwirrenden Reise

Englische Muttersprachler mögen sich fragen, was zum Kuckuck eigentlich in ihr schlichtes „the“ gefahren ist, das sich im Deutschen so wandlungsfähig zeigt: Es kann „der“, „die“, „das“, „dem“, „den“ oder „des“ bedeuten und ist zusammen mit seinen „unbestimmten“ Brüdern und Schwestern (ein, eine, einer, einem, einen und eines) sozusagen das i-Tüpfelchen des deutschen Sprachgebildes.

Mit etwas Hilfe aus dem Kontext weiß der Deutschkenner dank dieser sechs kleinen Wörter nicht nur, welches Geschlecht die Nomen im Satz haben, sondern auch, in welchem Kasus sie stehen. Das bedeutet, dass die Wörter im Deutschen in fast jede beliebige Reihenfolge gestellt werden können und zusammen immer noch einen funktionierenden Satz ergeben, wie ich dies oben bereits erwähnt habe. So wird der Satz „Den Mann beißt der Hund“ nur beim englischen Muttersprachler zunächst gewagte Thesen hervorrufen, mit welchen Missetaten Bello seinen Besitzer wohl zu dieser doch recht ungewöhnlichen Bestrafung verleitet hat. Ein deutscher Muttersprachler wird darauf aber nicht hereinfallen, verraten ihm „der“ und „den“ doch genau, wer hier wem zu Leibe rückt. Dies gilt natürlich nicht für den Satz „Die Frau kratzt die Katze“, doch hier lüftet dann sicherlich der Kontext den Schleier des Geheimnisses. Im Englischen finden sich heute nur noch wenige veränderliche Wortarten: die Personalpronomen „I“, „he“, „she“, „it“ und „me“, „him“, „her“ usw. sowie die Possessivpronomen „mine“, „him“, „hers“, „its“ etc. Wenn ich sage „he hit him“, weiß jeder, wer Übeltäter und wer Opfer ist.

Das Eldorado des Sprachhasardeurs

Die größte Hürde jedes Deutschlernenden ist es, jedem Nomen den richtigen Artikel zuzuordnen. Man könnte meinen, dass die Sprachgötter beschlossen haben, den englischen Muttersprachler allein zu ihrem Vergnügen aus seiner gemütlich-flexionsarmen Welt in einen Dschungel voller Fälle, Geschlechter und Worterweiterungen zu katapultieren.

Wer dieses Dickicht aber durchdrungen hat, wird mit sagenhaftem Reichtum belohnt. Dass die literarischen und wissenschaftlichen Werke deutscher Autoren echte Sprachschätze sind, steht außer Frage. Von den mittelalterlichen Troubadouren bis hin zu den Forschern und Entwicklern der modernen Industrie- und IT-Welt hat sich das Deutsche von jeher als flexible, präzise und wortreiche Sprache bewiesen, mit der sich die reale, aber auch alle anderen Welten, die man sich vorstellen kann, in all ihrer Pracht beschreiben lassen. Und genau diese sprachliche Schönheit verdankt die deutsche Sprache unter anderem? Ganz richtig, ihrer komplexen Grammatik …

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