Ethik in der Unternehmenskommunikation

von Kristin Fehlauer; aus dem Englischen von Annette Eichinger

Es war Anfang 2001. Ich war gerade einmal zwei Jahre aus dem College raus und arbeitete als Sachbearbeiterin in New York. Es ergab sich, dass ich eine Frage an „The Ethicist“ vom New York Times Magazine stellen konnte, einer Kolumne, die sich mit ethischen Themen befasste und damals von Randy Cohen geschrieben wurde. Als erstes bekam ich eine Antwort per E-Mail. Einige Zeit später kontaktierte mich das Magazin noch einmal, da man meine Frage und die Antwort darauf veröffentlichen wollte. Man bat um Rückruf und gab mir eine Telefonnummer. Als ich anrief, meldete sich eine männliche Stimme. Ich ging davon aus, dass es sich um einen Mitarbeiter am Empfang oder einen persönlichen Assistenten handelte, und bat daher, mit dem Redakteur der Ethik-Kolumne verbunden zu werden. „Am Apparat“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung und klärte dann einige Punkte, die die Veröffentlichung betrafen.

Kristin Fehlauer

Bei dieser Geschichte, bei der ich etwas weit ausgeholt habe, geht es nicht um meine Frage oder seine Antwort (wenn Sie das interessiert, finden Sie es ganz einfach über Google). Im Rückblick herrschte vielmehr der Gedanke vor: Klasse, ich habe die Durchwahl des Ethikredakteurs. Unglaublich! Von nun an gehören lästige Grübelattacken, Selbstzweifel und Schuldgefühle der Vergangenheit an. Ein Griff zum Hörer und schon weiß ich, was ich zu tun habe. Ich war eigentlich nie besonders grüblerisch. Wenn ich mich dann aber doch in einem moralischen Dilemma befand, verspürte ich von da an jedes Mal den Impuls, Randy Cohen anzurufen.

Wünschen wir uns nicht oft eine Hotline zu jemandem, der uns sagen könnte, wie man sich verhalten soll? Ethik und Compliance sind heutzutage in vielen Bereichen große Themen, erst recht nach der Finanzkrise und den Panama-Enthüllungen. Die Bereiche Übersetzung und Unternehmungskommunikation sind da keine Ausnahme – allerdings anders, als man vielleicht denken würde.

Corporate Responsibility

Bei BVIW komme ich mit vielen vertraulichen Informationen in Berührung. Dies geht von Personalangelegenheiten über Fusionen und Übernahmen bis hin zu neuen Produkten oder Technologien. Manchmal ist es gar nicht so leicht, solche Informationen, besonders die spektakulären, für sich zu behalten. Das Faszinierende an meiner Arbeit ist, dass ich aktuelle Forschungen aus der ganzen Welt mitbekomme. Der einzige Nachteil: Ich muss sicherstellen, dass eine Neuigkeit bereits öffentlich ist, bevor ich meine Begeisterung mit Freunden teilen darf.

Übersetzer und Dolmetscher unterliegen von Berufs wegen einer Geheimhaltungspflicht. Für sie sind Interna sozusagen „mit dem Siegel der Verschwiegenheit versehen“; sie dürfen „nichts nach außen dringen lassen“. Die Pflicht zur Geheimhaltung wird im Studium behandelt. Uns wurde eingeschärft, auf keinen Fall über den Inhalt einer Übersetzung zu sprechen, der noch nicht öffentlich bekannt ist.

Natürlich diskutieren wir bei BVIW über sprachliche Fragen und wir tauschen intern allgemeine Kundeninformationen aus, um Einheitlichkeit und Verständlichkeit zu gewährleisten. Kontext und Hintergrund können beim Arbeiten mit Texten eine entscheidende Rolle spielen und wenn ein Kollege mir erzählt, dass das Unternehmen A Entlassungen plant, kann mir dieses Wissen bei einem Text weiterhelfen, bei dem es im weitesten Sinn um Personalfragen geht. Wir achten jedoch penibel darauf, sämtliche Angelegenheiten, die über unsere Schreibtische gehen, verantwortungsvoll und mit dem Grad an Vertraulichkeit zu behandeln, den unsere Kunden erwarten können.

Bei diesem Thema kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich ohne den Beistand des Ethikredakteurs auskomme. Meine Ausbildung in Sachen Vertraulichkeit ist umfassend genug gewesen und im Zweifelsfall bin ich eher übervorsichtig. Und selbst wenn ich nicht schon mit fundiertem Grundwissen gestartet wäre, habe ich genug Firmentexte zum Thema Compliance übersetzt, um eine Ahnung davon zu haben, was erwartet wird.

ethics

Persönliche Gefühle

Wenn ich einen Text bearbeite oder übersetze, bin ich dem Autor oder der Autorin gegenüber verantwortlich. Um seine oder ihre Botschaft nicht zu verfälschen, muss ich meine eigenen Gedanken und Gefühle hintanstellen. Doch so sehr ich versuche, neutral und objektiv zu bleiben, es gelingt mir nie vollständig. Dazu spielt sich einfach zu viel auf einer unter- oder unbewussten Ebene ab. Während meiner Übersetzerausbildung stieß ich in einer Aufgabe auf den Begriff „Besatzungstruppen“. Das war etwa zwischen 2005 und 2007. Mit dem Wort waren die amerikanischen Streitkräfte im Irak gemeint. Die wörtliche Übersetzung – und noch wichtiger, das was der Autor sagen wollte – ist „occupation forces“. Aber ich hatte amerikanische Truppen nie auf diese Weise wahrgenommen, für mich stellten sie in keinem Fall eine Besatzungsmacht dar. Ich suchte eine Weile nach einem neutraleren Ausdruck, bis mir klar wurde, dass sich gerade meine eigene Einstellung zu Wort gemeldet hatte. Ich sollte jedoch vermitteln, was der Autor oder die Autorin sagen wollte, und er oder sie wollte eben von Besatzungstruppen sprechen. Das war mir eine Lehre.

Ich bin keine Dolmetscherin, aber es gibt viele Anekdoten von Dolmetschern, denen es schwergefallen ist, eine kritische Äußerung direkt und ungefiltert zu übertragen. Eine meiner Dozentinnen berichtete von einem Einsatz als Dolmetscherin zu Beginn ihrer Karriere bei einer Sitzung einer deutschen Delegation mit amerikanischen Politikern. Ein Deutscher beschimpfte den Leiter der amerikanischen Delegation als „Arschloch“. Meine Dozentin zog sich zunächst aus der Affäre, indem sie seine Aussage umschrieb mit „I don’t agree with you at all“, („Ich bin da überhaupt nicht Ihrer Meinung.“), doch der Deutsche merkte, dass sie seine Worte nicht genau wiedergegeben hatte. Er unterbrach sie und stellte auf Englisch richtig: „No, I mean it: you’re an asshole.“ („Nein, es ist mein Ernst: Sie sind ein Arschloch.“). Auch ohne eigenes Erleben ist mir dies ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, sich genau an die Vorlage zu halten.

Auch hier ist mein innerer Ethiker mit meiner Haltung zufrieden. Ich wüsste allerdings zu gerne, was Mr. Cohen sagen würde, wenn ein Dolmetscher die Unterredung unterbrechen würde, um ihn anzurufen: „Spreche ich mit dem Ethikredakteur? Ich würde gerne kurz ein paar Beleidigungen mit Ihnen durchgehen…“.

Persönliche Überzeugungen

Es gibt Sprachexperten, die bewusst Aufträge von bestimmten Branchen oder zu bestimmten Themen ablehnen. Sie vermeiden zum Beispiel Texte oder Kunden, die mit Waffen und Verteidigung oder mit Gentechnik oder Tierversuchen zu tun haben. Das ist ein schwieriger Punkt. Einerseits verstehe ich vollkommen, wenn jemand nicht in Bereichen oder an Aufträgen mitarbeiten möchte, die er aus moralischen Gründen ablehnt. Andererseits glaube ich tief in meinem Innersten, dass Fehlinformationen eine der Geißeln unserer Zeit sind.

Dank der Technologien haben heute mehr Menschen Zugang zu mehr Informationen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit – und dennoch werden eben diese Technologien gleichzeitig genutzt, um Propaganda, Missverständnisse und Unwahrheiten zu verbreiten. Oft gibt es so viele unbeabsichtigte oder beabsichtigte Fehlinformationen, dass die Fakten unterzugehen drohen. Doch sollten immer beide Seiten die Möglichkeit haben, gehört zu werden. Es wäre zu einfach, Meinungen, die uns gegen den Strich gehen, zu ignorieren. Doch damit man sich mit ihnen auseinandersetzen kann, müssen sie in einer Sprache vorliegen, die man versteht.

Meine – wenn auch kleine – Rolle besteht darin, Fakten, Berichte und Kommentare originalgetreu wiederzugeben, um die Transparenz zu verbessern und den Austausch zu unterstützen. Jedes Verstehen, ob nun zwischen zwei Einzelpersonen oder auf einer höheren oder globalen Ebene, basiert auf Information. Wenn ich durch die Bereitstellung genauer Informationen zum besseren Verständnis beitragen kann, dann ist dies meine ethische Rolle.

Jetzt sind Sie dran

Jetzt aber frage ich Sie: Standen Sie schon einmal bei Ihrer Arbeit vor einer Gewissensfrage? Haben Sie sich bei einem anderen Menschen Rat geholt? Wie sind Sie zu einer Entscheidung gekommen?

Ich freue mich darauf, Ihre Kommentare zu lesen.

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