Everything is awesome

Von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Andrea Brugman

Eines Abends vor ein paar Wochen bat mich mein Mann, ihm bei der Entschlüsselung einer E-Mail zu helfen. Sein multinationales Team ist auf der ganzen Welt verstreut und Englisch wird als Lingua franca verwendet. Gelegentlich klingt die Sprache etwas befremdlich und er als Nicht-Muttersprachler des Englischen holt sich dann gern eine zweite Meinung ein. In diesem Fall erhielt er auf eine seiner E-Mails, in der er ausführlich die Fortschritte eines neuen Projekts erläutert hatte, ein einziges Wort als Antwort, ohne Zeichensetzung:

„Awesome“

Ehrlich gesagt musste ich nachdenken, was die Antwort bedeuten sollte. Spielte der Verfasser möglicherweise Orakel und formulierte seine Antwort bewusst rätselhaft, so dass sie sich positiv wie auch negativ interpretieren ließ? Wollte er durch Kürze hypereffizient sein? Letztendlich schrieb ich sie den südkalifornischen Wurzeln des Verfassers zu.

Holly Mickelson

Sprache ist erworbenes Verhalten

Oft geben unsere Kunden vor, dass ihre Texte im britischen oder amerikanischen Englisch verfasst werden sollen, gelegentlich verlangen sie auch internationales Englisch. Manchmal ist es schwierig festzunageln, was die Wahl genau beinhaltet (besonders bei internationalem Englisch) und – was vielleicht noch wichtiger ist – was sie bezwecken soll. Schließlich beschränken sich die Unterschiede nicht nur auf Schreibung und Grammatik.

Ich bin zwar nicht gerade ein Sprachsnob, aber ich weiß vielleicht mehr als der Otto Normalverbraucher, was sich hinter der Kulisse von Sprache abspielt. Natürlich beeinflusst das Land, in dem wir als Kind leben, wie wir sprechen, schreiben und denken – aber manchmal hinterlassen auch feinere Untergliederungen ihre Spuren, etwa die Region, in der wir oder unsere Eltern aufgewachsen sind.

Ein aktuelles Projekt der Universität Cambridge, die Cambridge Online Survey of World Englishes, zeigt dies sehr anschaulich. Das Projekt möchte durch eine Reihe gezielter Fragen Unterschiede im Sprachgebrauch abbilden. Das Ergebnis ist eine farblich codierte Dialektkarte: In einigen Fällen sind die Unterschiede zwischen Wortwahl und Aussprache extrem groß, in anderen sind sie schwieriger auszumachen.

Ich zum Beispiel bin ich Seattle aufgewachsen. Immer wenn ich als Kind in einem Lokal eine Limo bestellen wollte, fragte ich nach den verfügbaren Sorten von pop. Meine Cousine hingegen, die in Minnesota wohnte, bestellte soda. Wir meinten das Gleiche, verwendeten aber verschiedene Grundwörter dafür. Dies hatte nichts mit sozialen Schichten zu tun, sondern war rein geografisch bedingt. Es handelt sich dabei auch um einen spezifischen sprachlichen Marker – wenn man Bescheid weiß, lässt sich eine ganze Menge über den Sprecher sagen.

Eine Suche auf Google ergibt, dass es viele Studien zu Dialekt im Kontext von Arbeit gibt, die Themen behandeln wie etwa die Nachteile von Nicht-Muttersprachlern oder Dialektsprechern bei Vorstellungsgesprächen. Aber was passiert, wenn sich Wörter mit einer geografisch spezifischen Verwendung im Rest des Landes ausbreiten? Wie wirkt sich das auf die Geschäftswelt aus?

Photo credit: Frank Mckenna

Awesome = großartig?

Dazu müssen wir etwas ausholen. Merriam-Webster konzentriert sich bei der Definition von awesome auf die traditionelle Bedeutung des Wortes, also auf etwas, das „Ehrfurcht gebietet“ oder „außergewöhnlich“ ist. Ein Vulkanausbruch ist awesome. Die Geburt des eigenen Kindes ist awesome. In den letzten Jahren hat awesome etwas von seinem Glanz verloren, weil es für Amerikaner im Allgemeinen (und Kalifornier im Besonderen) zu einem Sammelbegriff geworden ist und für alle möglichen Situationen mit einem unterschiedlichen Grad an Großartigkeit verwendet wird:

  1. What an awesome day!
  2. Your presentation was awesome!
  3. Rome is so awesome!

Anders gesagt (und speziell in den Worten von The LEGO Movie) ist für manche Menschen einfach alles awesome. Was früher zum Surfer-Jargon gehörte, ist erwachsen geworden und in die Berufswelt eingestiegen. Es ist sogar von zu Hause ausgezogen und hat sich in anderen Teilen des Landes niedergelassen. Und falls Sie sich nicht sicher sind: Awesome kann durch fast unendlich viele andere Adjektive ersetzt werden, die einen unterschiedlichen Grad an Großartigkeit bezeichnen, etwa cool, great, terrific, fantastic, magnificent.

Awesome = supercalifragilisticexpialigetisch?

Ich habe einige Jahre in Kalifornien gelebt und verstehe, was awesome bedeutet. Aber wie ist es für jemanden wie meinen Mann, einen Nicht-Muttersprachler des Englischen, der das Wort sicherlich in seiner traditionellen Bedeutung gelernt hat? Wenn die Antwort auf seinen detaillierten Bericht zum Status eines neuen Projekts lediglich aus einem einzigen, etwas aufgeblähten Adjektiv ohne Zeichensetzung besteht, wie wird mein Mann das wohl interpretieren?

  1. „Gut gemacht! Vielen Dank für die Informationen.“
  2. „Ihre Arbeit hat mich inspiriert, besser zu werden.“
  3. „Ich bin beeindruckt, dass Sie all das gemacht/kommuniziert/geschrieben haben. Fassen Sie sich das nächste Mal aber bitte kurz.“

Welche Antwort ist die Richtige? Das würde mich auch interessieren.

Sprachlicher Darwinismus

Sprache ändert sich ständig und Wörter nehmen regelmäßig neue Bedeutungen an oder verlieren bisherige. Die Bedeutung variiert auch je nach Land (oder Teil des Landes). In Unternehmen etwa machen sich manchmal Abkürzungen und Fachbegriffe breit, sodass es für einen Außenstehenden schwierig sein kann, einer Unterhaltung zwischen zwei eingeweihten Mitarbeitern zu folgen.

Das ist, ehrlich gesagt, was mir an Sprache gefällt. Anders als Zahlen und Mathe halten Wörter und Bedeutungen nicht still. Sie passen sich Situationen an und manchmal bleibt eine neue Bedeutung erhalten. Das war auch der Fall mit awesome. Ein anderes Beispiel ist amazing. Dennoch gehört meines Erachtens nach keines dieser Wörter in eine geschäftliche E-Mail. Sonst könnte man ebenso gut eine E-Mail mit Dear dudes and dudettes beginnen.

Gelegentlich überquert das Problem auch den Atlantik. Ein anderes Beispiel, mit dem ich hier im Büro schon gerungen habe, ist das nette Verb to reckon. Traditionell bedeutet reckon „rechnen“ oder „einschätzen“. Im britischen Englisch wird es ständig verwendet und ist auch in einem universitären oder geschäftlichen Kontext vollkommen akzeptabel. Im amerikanischen Englisch hört man es jedoch selten in dieser Bedeutung. Stattdessen wird es eher im Sinne von „ich nehme an‘“ gebraucht, und zwar vor allem in ländlichen Gebieten der Südstaaten. Daher kommt es in Unternehmenskommunikation, die im amerikanischen Englisch verfasst ist, fast nie vor.

Gibt es einen einfachen Trick, um derartige Sprachfallen zu vermeiden? Leider nein. Ich bin in der glücklichen Lage, Kollegen zu haben, die meine Arbeit lesen und meine Wortwahl hinterfragen: Briten, Amerikaner, Deutsche. Ich bin sicherlich in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten. Und mir wurde gesagt, Leute aus Seattle hätten einen Akzent. Komischerweise ist mir das gar nicht aufgefallen.

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