Für dich immer noch „Sie“!

Von Saveen Uthappa-Eck, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Letztens dachte ich über Titel, Anreden und ihre Bedeutung im Arbeitsleben nach. Und das kam so: Auf meinem Weg in die Arbeit sah ich eine Stellenanzeige, in der ein lokales Krankenhaus nach passionierten Schmerz- und Wundmanagern suchte. Nach kurzer Verwunderung stellte ich mir – zur Ablenkung, mein Arbeitsweg ist wirklich weit – belustigt folgendes Szenario mit mir als Patientin besagten Krankenhauses vor: „Ich weiß, dass Sie Schmerzen haben, aber wir müssen auf den Schmerzmanager warten. Ich bin leider ‚nur‘ Krankenschwester.“ Oder auch: „Oh je, der Schnitt sieht ja gemein aus. Unser Wundmanager kommt gleich zu Ihnen.“

Saveen Uthappa-Eck

Nur Schall und Rauch?

Berufstitel haben sich mit den Jahren verändert: Mittlerweile gibt es selbst für die gängigsten Tätigkeiten wichtig klingende Titel wie Director of first impressions (für den modernen Rezeptionisten) oder Brotexperte (für Bäcker), genauso aber für ungewöhnliche Jobs, z. B. Katzenverhaltenscoach oder Happiness Hero. Was bringt uns das? Sind ausschweifendere und geheimnisvollere Titel respekteinflößender? Hören sie sich einfach wichtiger an? Oder motivieren sie mehr?

Wenn Sie wie ich jemals in Deutschland gelebt und/oder gearbeitet haben, wissen Sie, dass Deutsche Titel doch meist ernst nehmen. In meiner ersten Stelle wurde ich einmal von einem Prof. Dr. gemaßregelt, weil ich ihn mit Herr angesprochen hatte – ein Fehler, der mir danach nie wieder unterlaufen ist. Klar: Wer hart für seinen Titel gearbeitet hat, verdient es auch, entsprechend angesprochen zu werden. Aber ich habe auch erkannt, dass Titel und Kultur eng verbunden sind.

Mit chilligen Grüßen

Bei meinem zweiten Job in München betreute ich die britischen Kunden eines großen multinationalen Unternehmens. Von meinem vorherigen Job war ich es gewohnt, alle mit dem korrekten Titel, ihrem Nachnamen und „Sie“ anzusprechen – jetzt nannte ich selbst Kunden, die sehr weit oben in der Hierarchie standen, direkt beim Vornamen und beendete E-Mails mit einem saloppen „Cheers“; sogar unser medizinischer Leiter aus Kanada war für mich einfach „Doc“. Dieser lockere Umgang endete, als ich in den Nahen Osten zog, wo viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Bislang hatte ich es mit einer Handvoll verschiedener Nationalitäten zu tun gehabt, jetzt arbeitete und wohnte ich unter Menschen aus über 200 Ländern. Das war etwas völlig anderes, ein Mischmasch aus formellem und informellem Umgang, Vor- und Nachnamen und obendrein komplett neuen Titeln und Anreden.

Culture and titles crop

Ich kam zum Marketingteam einer renommierten Hotelkette, wo mich einige mit meinem Vornamen ansprachen, die meisten jedoch mit „Madam“, „Ma’am“ oder „Miss Saveen“, da half kein Bitten und Betteln um einen informelleren Ton. Noch verwirrter war ich nach dem Anruf eines lokalen Journalisten: Er wollte einige Informationen über das Hotel und begrüßte mich sogleich mit „Hi dear“, wobei er mich während des Gesprächs mehrmals mit „dear“ ansprach. Ich fühlte mich unwohl und war sogar ein bisschen verärgert, dass er mich ohne meine Zustimmung so nannte. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass das hier eine ganz normale Anrede für Frauen und Männer ist; mein Mann hatte eine ähnliche Erfahrung mit einem Kunden, der ihn bis heute „my dear“ nennt. Daneben gibt es noch das persönlichere „Habibti“ (arabisch für „mein Schatz“) für Frauen und „Habibi“ oder „Yakhi“ (Bruder) sowie das amerikanische „Bro“ für Männer – alles absolut akzeptable Anreden, vor allem, wenn Sie Ihre Arbeitsbeziehungen schon etwas vertieft haben.

Berufstitel sind im Nahen Osten genauso wichtig. Als „Mudheer“ (arabisch für „Manager“) genießen Sie vor allem unter Einheimischen großen Respekt. Solche Titel bedeuten nicht nur mehr Lohn und bessere Vergünstigungen, sie können auch Türen öffnen: Denn statt Managern beschäftigen einige Unternehmen Vice Presidents, damit ihre Kunden sich in den besten Händen fühlen. Ausländische Angestellte können mit solchen Titeln grundlegende Rechte erlangen, z. B. Reisefreiheit in ihrer Region (wofür man in manchen Jobs eine Sondererlaubnis braucht), eine Aufenthaltserlaubnis für ihre Familien (Arbeitgeber bürgen für ihre Arbeitnehmer, die dann – bei einem entsprechenden Gehalt – wiederum für ihre Familien bürgen) oder eine Lizenz zum Kauf von Alkohol (wofür auch wieder ein bestimmtes Gehalt erforderlich ist).

Vor etwas über zwei Jahren bin ich aus dem Nahen Osten zurückgekehrt und arbeite heute bei BVIW , wo ich beides habe: englische Lockerheit mit einem Schuss deutscher Korrektheit. Die zauberhaften Anreden, die ich aus dem Nahen Osten mitgebracht habe, sind heute meiner Familie und meinen Freunden vorbehalten.

Andere Länder …

Meine Erfahrungen in der Arbeit haben mir gezeigt, dass Titel für jeden etwas anderes bedeuten: Für manche ist es Tradition, eben das, was sich „gehört“ oder einem zusteht; für andere geht es um Prestige, bessere berufliche und persönliche Chancen oder einfach um Respekt und Freundlichkeit. Wenn Sie mich fragen, was am besten ist, kann ich nur sagen: andere Länder, andere Sitten. In diesem Sinne: Ciao, Herr Professor!

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