Inspirierendes zum Thema Inspiration

von Julia Beyrer

Der heutige Tag könnte nicht schlechter anfangen. Ich wache langsam auf oder versuche es zumindest. Wirklich ausgeruht fühle ich mich nicht und der Blick auf den Wecker verrät mir, dass ich mich jetzt wirklich beeilen sollte. Schließlich wartet eine komplexe Übersetzung auf mich – Abgabetermin ist bereits am Nachmittag.

Also erst einmal eine schöne, wachmachende Dusche. Das hat schon immer geholfen. Ich stelle mich unter den Duschkopf, drehe das Wasser auf und befinde mich unter einem eiskalten Strahl, der einfach nicht wärmer werden will: Irgendetwas stimmt mit dem Durchlauferhitzer nicht.

Julia Beyrer

Alles andere als inspirierend

Jetzt hilft nur noch die Wunderwaffe Kaffee und mein Körper braucht definitiv Koffein. Ich mache die Maschine an und stelle meine Lieblingstasse unter, denn schließlich brauche ich gute Laune. Ich betätige den Schalter und unter lautem Gebrumme strömt eine blässlich-braune Flüssigkeit hinein. Beim Trinken merke ich erst, dass ich vergessen habe, das Pulver einzufüllen und ohne Kaffee schmeckt so ein Kaffee einfach nur – naja, Sie wissen schon. Und da haben wir das nächste Problem: In der Kaffeedose herrscht gähnende Leere.
Das Drama nimmt weiter seinen Lauf: Ich verwechsle die Zahnpasta mit der Handcreme, mein Parfum ist so leer wie die Kaffeedose und mein Lieblingspulli hat ein Loch. Mein leicht genervtes Spiegelbild verabschiedet mich beim Verlassen der Wohnung mit einem gequälten Lächeln.

Inspiration, wo bist Du?

In der Arbeit bekomme ich nun endlich meinen Kaffee aus der ausgezeichneten Kaffeemaschine, die mir schon oft mein Übersetzerleben gerettet hat. Gut gelaunt begrüßen mich meine Kollegen; sie hatten wohl einen besseren Einstieg in den Tag.

Leicht angespannt öffne ich das zu übersetzende Dokument und frage mich bereits jetzt, wie um Himmels Willen ich jetzt gleich kreativ sein soll. Leicht unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Die Zeit läuft … Den Kunden wird mein chaotischer Morgen wohl kaum interessieren und er soll das bekommen, wofür wir als gute Übersetzer bezahlt werden: einen gut recherchierten, ansprechend formulierten Text, den ihm der Leser bereits beim Blick auf die Überschrift sprichwörtlich aus der Hand reißen wird und der bereits bei der Lektüre Lust auf mehr macht. Bei einer guten Übersetzung kommt es bei Weitem nicht nur darauf an, das Original in einer anderen Sprache wiederzugeben. Es geht vielmehr darum, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen und eine gute lesbare Übersetzung abzuliefern.

Was mir jetzt fehlt, ist Inspiration. Dieser schöne Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Beseelung“ oder „Einhauchen“. Und genau das macht jeder, der in einem kreativen Beruf arbeitet und sein Handwerk versteht: Er haucht seinem Werk Leben ein.

Yellow trees

Geliebter Flow

Dabei geht es darum, einen Zustand zu erreichen, der einen zumindest geistig nicht mehr am selben Ort sein lässt. Man begibt sich also auf eine Art Reise, deren Ziel nur man selbst kennt und an deren Ende eine unglaubliche Befriedigung steht. Diesen Zustand bezeichne ich liebevoll als den „Flow“. Wenn ich ihn erreicht habe, fließt die Kreativität, oder eben der Text, förmlich aus mir heraus.

Personen, die es geschafft haben, diesen Zustand zu erreichen, merkt man das recht deutlich an. Gehen Sie zum Beispiel auf ein Konzert und beobachten Sie die Augen der Musiker. Diese Leute haben einen der schönsten und zugleich anspruchsvollsten Berufe der Welt und müssen nach all der harten Vorarbeit ihr Publikum begeistern können, ganz egal, wie ihr Tag gelaufen ist, welche Probleme sie gerade haben oder wie es um ihre Laune steht. Wenn Sie also auf einem Konzert sind und sehen, wie sich der Blick des Musikers, den Sie beobachten, im Laufe der Veranstaltung verändert, wissen Sie, dass ihn die Inspiration gepackt hat und Sie es mit jemandem zu tun haben, der nicht einfach nur seine Stücke herunterspielt, sondern mit Leib und Seele dabei ist. An bestimmten Stellen scheint sein Blick ins Leere zu gehen und es sieht so aus, als wäre er nicht mehr anwesend.

Wenn ich selbst gerade inspiriert bin, ist es für Außenstehende nicht immer offensichtlich, was gerade mit mir passiert. Oft werde ich dann gefragt, ob alles in Ordnung ist, weil ich so abwesend wirke und auf die Person, die vor mir steht, fast nicht reagiere. Aber ja, das ist es dann definitiv. Besser könnte es gar nicht sein, nur dass ich dann nicht aus diesem Zustand herausgeholt werden möchte. Und so geht es wohl allen inspirierten Menschen, also lieber nicht ansprechen, wenn man eine sinnvolle Reaktion erwartet!

Quellen der Inspiration

Jeder Mensch ist anders und empfindet etwas anderes als inspirierend. Wagen Sie einmal ein Experiment und gehen Sie in einen Park. Stellen Sie sich vor einen Baum. In Ordnung, auf den ersten Blick ist es einfach nur ein Baum mit allem, was dazu gehört: Er hat einen Stamm, Äste und Blätter. Und jetzt sehen Sie genauer hin. Beobachten Sie ein beliebiges Blatt. Nun sehen Sie den Baum schon nicht mehr als Ganzes, sondern nehmen bewusst ein Detail wahr. Das Blatt fängt an, sanft im Wind hin und her zu schaukeln, Sie stellen sich vor, dass es anfängt zu rascheln, sehen sich seine Farbe genau an und lassen sich von seiner Anwesenheit bezaubern. Vielleicht hat es kleine Flecken auf der Oberfläche, wackelt immer stärker im Wind und dann stellen Sie sich vor, wie es vom Baum abfällt und zu Boden schwebt.

Was ist gerade passiert? Anfangs standen Sie einfach nur vor einem Baum. Dann nahmen Sie eine Einzelheit bewusst wahr und dieses Detail wurde auf einmal zu einer Art Traumbild, bewegt sich, entwickelt ein Eigenleben und schwebt, obwohl es immer noch am Baum hängt.

Auf mich hat Wasser zum Beispiel eine großartige Wirkung. Einfach an einem Fluss zu sitzen und auf das Wasser zu schauen empfinde ich jedes Mal aufs Neue als unglaublich inspirierend. Die Bewegungen der Wellen, kleine Luftbläschen, die in der Strömung zu tanzen zu scheinen, ein Schwarm Möwen, bei dem ich mir eine aussuche und gedanklich mit ihr fliege – oh, ich merke, der bloße Gedanke an den Fluss inspiriert mich bereits!

Da fällt mir ein, dass meine Übersetzung ja noch fertig werden muss. Die fachlichen Dinge habe ich bereits recherchiert und die Rohfassung steht, also übersetzt ist das Ganze bereits. Nach meiner geistigen Reise an den Fluss merke ich, wie ich langsam, aber sicher in den Flow gerate. Zeit für die kreative Würze. Meine Finger flitzen über die Tastatur, ich formuliere um, hauche dem Ganzen Leben ein, merke wie jemand mein Büro betritt, den ich aber komplett ausblende. Ich stecke tief in meinem Text und bin nur noch körperlich anwesend. Es läuft! Und wie! Und auf einmal ist das Werk vollbracht. Ich lehne mich zurück und beginne zu lächeln. In Momenten wie diesen bin ich unendlich glücklich.

Schlussbemerkung

Wie Sie sehen, kann Inspiration überall stattfinden, Hauptsache man beginnt, sich für kleinste Details zu begeistern, und wagt es, sich von ihnen verzaubern zu lassen. Es müssen dabei nicht immer Gegenstände sein; vor allem Musik, aber auch Geräusche, Stimmen, Gedanken oder Situationen, an denen Sie selbst nicht unbedingt beteiligt sein müssen, können ebenfalls eine unglaublich inspirierende Wirkung haben.

Einen nahezu magischen Einfluss haben auf mich Menschen, die sich im Flow befinden und diesen speziellen Blick entwickeln. Dem kann ich mich einfach nicht entziehen und will es auch gar nicht. Denn was gibt es Schöneres, als sich von der Inspiration anderer Menschen anstecken zu lassen?

Und egal in welchem Zustand Sie sich befinden und wie Ihr Tag bisher gelaufen ist, lassen Sie es auf einen Versuch ankommen und hauchen Sie dem, was Sie tun, Leben ein. Es lohnt sich!

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