Die Freuden und Leiden, eine Lingua franca als Muttersprache zu haben

von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Andrea Brugman

Ich bin froh, dass (amerikanisches) Englisch meine Muttersprache ist. Denn lernen würde ich es sicherlich nicht wollen! Der riesige Wortschatz, eine unbegreifliche und inkonsistente Rechtschreibung, subtile Zeitformen – nein, danke!

Aber Englisch als Muttersprache bringt auch einige unvorhersehbare … nun, ich möchte es nicht als Nachteile bezeichnen, aber unerwartete Frustrationen mit sich. Diese haben meist damit zu tun, dass große Teile der Bevölkerung in der restlichen Welt Englisch oft als Zweitsprache sprechen – und das ausgezeichnet! Dies stellt die Bemühungen der meisten Amerikaner in den Schatten.

Kristin Fehlauer

Vor Jahren las ich einen Witz, der die etwas paradoxe Natur der Angelegenheit treffend zeigt: Zwei Männer gehen irgendwo in den USA an einer Straße entlang. Ein ausländisches Auto mit Diplomatenkennzeichen bleibt neben ihnen stehen. Der Chauffeur kurbelt das Fenster herunter und fragt: „Parlez-vous français?“ Die Männer starren ihn verwirrt an. „Hablan español?“ Wieder Schulterzucken und nichtssagende Blicke. Etwas frustriert versucht es der Fahrer erneut: „Sprechen Sie Deutsch? Parla italiano?“ Immer noch keine Antwort, nur Unverständnis. Entnervt fährt der Mann davon.

Daraufhin sagt einer der Amerikaner zum anderen: „Vielleicht sollten wir eine Fremdsprache lernen.“

„Warum?“, erwidert sein Freund. „Dieser Typ konnte vier und das hat ihm auch nichts geholfen.“

Warum sprechen Sie nicht [hier Sprache einfügen]?

Wie diese Geschichte zeigt, kann es sinnlos sein, eine Fremdsprache zu sprechen, wenn es nicht die richtige ist. Wie gehen wir also bei der Wahl der Zweitsprache vor?

Das ist in den USA eine heikle Frage. In vielen Gebieten ist Spanisch die beste Wahl, aber es gibt auch überzeugende Argumente etwa für Französisch, Deutsch, Chinesisch oder Russisch. Wenn mehrere Sprachen gleichwertig nebeneinanderstehen, ist es schwierig, sich für eine zu entscheiden. Im Gegensatz dazu gibt es fast überall sonst auf der Welt viele gute Gründe, Englisch zu lernen.

Diese Frage beeinflusst natürlich auch, wann die Sprache gelehrt wird. Natürlich ist es am besten, möglichst früh damit zu beginnen. Wie soll man sich aber angesichts der vielen gleichwertigen Optionen auf eine Sprache für den Grundschulunterricht einigen? In anderen Ländern ist die Entscheidung viel offensichtlicher und das Erlernen einer Fremdsprache lässt sich daher leichter im Grundschullehrplan verankern. Schüler außerhalb der USA bekommen dadurch beim Fremdsprachenerwerb einen Vorsprung.

Photo credit: Florian Bernhardt

Wie kann ich meine Sprachkenntnisse einsetzen?

Was Amerikanern beim Sprachenlernen ebenfalls in die Quere kommt, ist schlicht die Schwierigkeit, Gelerntes anzuwenden. Dialoge einzuüben und Vokabeln auswendig zu lernen, bringen uns nur zu einem gewissen Punkt; man muss lernen, sich in realen Situationen in der anderen Sprache auszudrücken. Wenn man aus Verzweiflung ins Englische zurückfällt (oder zurückfallen kann), tut man sich selbst keinen Gefallen. Die weite Verbreitung des Englischen als Zweitsprache bedeutet, dass Amerikaner im Ausland nur selten eine andere Sprache benutzen müssen; aus Zweckmäßigkeit oder Bequemlichkeit bedienen sie sich ihrer Muttersprache.

Auch das Aussehen spielt eine Rolle. Einige Jahre lang versuchte ich, Arabisch zu lernen, und bereiste ein paar arabische Länder in der Hoffnung, dort meine Sprachkenntnisse anzuwenden. Ich sehe aber eindeutig europäisch aus und wenn ich mit Einheimischen in Kontakt kam, stiegen diese im Geiste oft schon auf Englisch (oder auch auf Französisch oder Deutsch) um, bevor ich meinen Mund überhaupt öffnen konnte. Mein kläglicher Versuch, mein Anfänger-Arabisch zu benutzen, scheiterte gewöhnlich, denn sie hatten bereits die Sprache gewechselt. Anders als ich Deutsch lernte: Da konnte ich zumindest einen Satz auf Deutsch einbringen, bevor die Deutschen bemerkten, dass sie es mit einer Ausländerin zu tun hatten. Ich hatte also etwas bessere Karten, um die Sprache zu üben!

Warum bestehe ich nicht einfach darauf, „meine“ Fremdsprache zu sprechen? Gelegentlich versuche ich es. Aber englische Muttersprachler sind in manchen Gegenden der Welt rar – oft probieren Leute voller Begeisterung ihr Englisch aus, und ich bringe es nicht übers Herz abzublocken.

Die Ironie „unkultivierter“ Varietäten

Bei Begegnungen mit Nicht-Muttersprachlern finde ich noch einen weiteren Aspekt problematisch. Ich habe an anderer Stelle bereits erwähnt, dass mich manchmal recht normale Varianten des britischen Englisch erheitern. In meine Ohren klingen manche Wörter einfach falsch (anti-clockwise) oder drollig (fortnight). Sie erinnern mich an die Ausdrucksweise von Kindern, wenn sie die Sprache erlernen und beispielsweise „I goed to bed“ sagen anstatt „I went“. Meine natürliche Reaktion ist es, über den ungewöhnlichen Begriff oder Gebrauch zu schmunzeln – und zu schlussfolgern, dass dieser nicht korrekt sei. Ich habe lange gebraucht, im Zweifelsfall zuerst nachzufragen, ob der von mir als nicht richtig empfundene Sprachgebrauch allgemein akzeptables britisches Englisch sei.

Dieses Gefühl ist verstärkt vorhanden, wenn ich mit Nicht-Muttersprachlern kommuniziere, die natürlich Fehler machen. Aber wann handelt es sich um einen Fehler, wann um eine neue Verwendungsweise? Da sich Englisch in weiten Teilen der Welt etabliert, verwischen klare, feste Grenzen. In einer meiner Lieblingssendungen, „QI“, in der es um Tatsachen geht, die „quite interesting“ sind, sprach der Moderator Stephen Fry in der Episode „The Future“ (2009 ausgestrahlt) über zwei Varietäten des Englischen: Panglish (Panenglisch) und Singlisch bzw. umgangssprachliches singapurisches Englisch. Fry zitiert für die letztere Varietät verschiedene Beispiele, wie „lay leo“ für radio und „orleng tzu“ für orange juice. Dabei brechen seine vier Gäste, alle englische Muttersprachler, immer wieder in schallendes Gelächter aus und nennen die Beispiele rubbish (also garbage).

Ich empfand ihre Reaktion als verständlich, aber irgendwie auch beunruhigend. Wenn ich Deutsch spreche, ernte ich für meine (sicherlich zahlreichen) Fehler glücklicherweise meist kein höhnisches Gelächter. Außerdem musste ich unweigerlich an ein anderes Imperium denken, dessen Sprache sich weit verbreitete und woraus sich schließlich mehrere verschiedene Varietäten entwickelten. Ich kann mir vorstellen, dass die Römer auch über die Gallier und Galizier lachten, die ihre Muttersprache so „verhunzten“. Und dennoch entstanden aus dem nicht normgerechten „Vulgärlatein“ die wunderschönen romanischen Sprachen, die eine eigenständige Bedeutung erlangten. Warum sollten wir jetzt die vielleicht nächste Lingua franca verhöhnen?

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