Namen – wirklich nur Schall und Rauch?

von Manuel Baer

Als ich neulich auf dem Heimweg von der Arbeit die Straße entlangschlenderte, blieb mein Blick zufällig am Heck eines exotischen Sportwagens hängen, der am Straßenrand stand. Das Emblem auf der Kofferraumklappe verriet: Hier parkt ein Lotus Exige. Da wurde mir auf einmal klar, dass ich nie einen Gedanken daran verschwendet hatte, wie Autos eigentlich zu ihren teilweise etwas eigenartigen Namen kommen.

Manuel Baer

Nomen est omen?

Obwohl Car-Sharing-Dienste im Aufwind sind und ein guter Teil der Autofahrer ihren Wagen heutzutage eher als Gebrauchsgegenstand betrachten, ist das Auto für die Deutschen oft noch immer ein wichtiges Statussymbol. Daher wundert es kaum, dass emotionale Aufladung in der Autowerbung mitunter eine große Rolle spielt. Dementsprechend will nicht nur die Marketingstrategie, sondern auch der Name eines neuen Automodells sorgfältig gewählt sein.

Einerseits soll er die besonderen Eigenschaften eines Fahrzeugs transportieren – zum Beispiel, dass das schnittige Coupé die Herzen von PS-Fans höherschlagen lässt, das SUV die Fahrt zum nächsten Supermarkt ebenso spannend wie eine Tour durchs Gelände macht und der Geschäftsmann auch nach einer Langstreckenfahrt tiefenentspannt aus der eleganten Oberklasselimousine aussteigt. Andererseits muss der Name auch gut zur bestehenden Modellpalette eines Autoherstellers und dessen Corporate Identity passen. Mindestens genauso wichtig sind nicht nur markenrechtliche Aspekte, sondern vor allem, dass ein neuer Name keine negative Bedeutung haben darf.

Manche Autohersteller können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen: Der Geländewagen Mitsubishi Pajero etwa ist nach der in den Anden heimischen Wildkatzenart Leopardus pajeros benannt. Da „pajero“ im Spanischen jedoch auch eine ziemlich vulgäre Bedeutung hat, taufte der japanische Autobauer den Wagen in den betroffenen Regionen in „Montero“ um.

Dem Konkurrenten Toyota erging es bei seinem MR2 kaum besser. Was eigentlich für Mid-engined Rearwheel-Drive Two-seater steht, also „Zweisitzer mit Mittelmotor und Heckantrieb“, klingt auf Französisch recht ähnlich wie „merdeux“ oder „merde“, also „Rotznase“ oder „Scheiße“. In Frankreich heißt der kleine Sportwagen daher nur noch MR.

Zwei grundverschiedene Welten

Angesichts des enormen Aufwands, den die Autoindustrie für die Namensfindung betreibt, fand ich es als leidenschaftlicher Motorradfahrer merkwürdig, wie wenig Wert Motorradhersteller darauf zu legen scheinen. Hier wäre ja eigentlich noch mehr Emotion zu erwarten, da der Zweirad- anders als der Autofahrer ein ungefiltertes Fahrgefühl erlebt – denn dieser ist durch die schallgedämmte Fahrgastzelle und die Spritzwand, die ihn vom Motor trennt, stark von der Umwelt abgeschottet. Der Motorradfahrer spürt dagegen nicht nur den Fahrtwind, sondern jede Unebenheit in der Fahrbahn. Da er außerdem direkt über dem Motor sitzt, hört und fühlt er, wie dieser auf die kleinste Bewegung des Gasgriffs reagiert.

Umso mehr überrascht es, dass viele Motorräder kryptische Buchstaben-Zahlen-Kombinationen wie ZX-6R, CBR 900 RR oder S 1000 RR tragen, die kaum ein potenzieller Käufer sonderlich aufregend finden dürfte. Die Kawasaki ZX-6R Ninja und Honda CBR 900 RR Fireblade etwa haben zwar (recht martialische) Beinamen, was aber gerade bei Nippon-Bikes eher die Ausnahme als die Regel ist. Italienische Hersteller sind da mit klingenden Namen wie Aprilia Dorsoduro oder Ducati Panigale doch deutlich stilbewusster.

Photo credit: Sticker Mule

Kreativität im Volksmund

Interessant ist, dass manche Motorradmodelle wegen bestimmter Eigenheiten teilweise eher wenig schmeichelhafte, wenn auch oft liebevoll gemeinte Spitznamen bekommen haben.

Ältere BMW-Modelle etwa, bei denen anstatt der sonst üblichen Kette ein wartungsärmerer Kardanantrieb die Kraft vom Getriebe zum Hinterrad überträgt, neigen konstruktionsbedingt beim Gasgeben und -wegnehmen dazu, das Fahrzeugheck deutlich zu heben bzw. zu senken, weswegen sie auch als „Gummikühe“ bekannt sind.

Dann gibt es da noch die Honda CX500. In ihrem Zweizylinderaggregat steckte viel ausgefeilte Technik, aber optisch war es damals für viele Motorradfans kein Leckerbissen. Aufgrund seiner Bauweise wirkte der Antrieb vergleichsweise unförmig, was umso deutlicher auffiel, zumal er wegen seiner Wasserkühlung anders als luftgekühlte Motoren ohne Kühlrippen auskam. Franz Josef Schermer urteilte in der Ausgabe 3/1978 der Zeitschrift MOTORRAD: „So hässlich die Maschine aussieht, so gut fährt sie sich.“ Rötger Feldmann war verglichen dazu noch deutlich undiplomatischer. In einem Band seiner Comicbuchreihe „Werner“ macht er die Maschine gleich über mehrere Seiten hinweg lächerlich: Dort ärgert sich Bauer Horst über seine kaputte Jauchepumpe, als der Titelheld Werner zufällig vorbeikommt und vorschlägt, auf einen CX500-Fahrer zu warten. Kaum hält einer an, schließt Werner kurzerhand die Schläuche der defekten Pumpe an die Maschine an. Seitdem trägt die Honda den weitverbreiteten Spitznamen „Güllepumpe“. Sammler hält das hingegen kaum vom Kauf ab, die CX500 ist mittlerweile wie viele Motorräder aus den 70er und 80er Jahren ein begehrter Klassiker.

Natürlich ist nicht absehbar, auf welch unvorteilhafte Spitznamen kreative Köpfe kommen mögen. Dennoch empfiehlt es sich, Sprachprofis vorher eingehend prüfen zu lassen, ob ein Name in anderen Sprachen vielleicht unvorteilhafte Bedeutungen haben kann – damit man wie Rolls-Royce seinerzeit rechtzeitig bemerkt, dass sich ein Silver Shadow in Deutschland deutlich besser verkaufen dürfte als ein Silver Mist.

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