Spanisch-Deutsch-Übersetzung: Wie unterschiedlich sind diese beiden Sprachen?

Von Richard Peters, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Spanien und Deutschland sind zwei große europäische Nationen. Jede kann auf eine reiche, komplexe Geschichte und literarische Traditionen zurückblicken, die weit über ihre heutigen Grenzen hinausreichen. Auch die Landessprachen haben sich über die Jahrhunderte hinweg erkennbar verändert.

Warum ich mich an der Universität genau für diese beiden Sprachen entschieden habe, hat mehrere Gründe: Als Kind einer Österreicherin und eines Engländers bin ich mit Deutsch und Englisch großgeworden und hatte daher eine natürliche Neigung zu allem Germanischen. Spanisch war in der Schule eines meiner Lieblingsfächer und überzeugte mich bald auch durch seine Landesküche.

Französisch gefiel mir zwar auch, dennoch fand ich, dass Spanisch heute wichtiger ist. Vor allem aber wollte ich Überschneidungen möglichst vermeiden und mich etwas von der Masse abheben: Denn wer damals neben Französisch nicht gerade Deutsch studierte, hatte sich höchstwahrscheinlich für Spanisch entschieden. Die Kombination Spanisch-Deutsch hatte in meinem Jahrgang nur wenige Fans. Mit mir, um genau zu sein, vier.

Richard Peters

Gemeinsame Vorfahren

Deutsch und Spanisch gehören zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Spanisch stammt vom Lateinischen, Deutsch vom Germanischen ab. Während germanische Stämme sich vor 3.000 Jahren eher gemütlich von Skandinavien in den Süden aufmachten ‒ ihre Sprache natürlich im Gepäck ‒, brachten die Römer das Lateinische vor etwa 2.000 Jahren recht zügig auf die iberische Halbinsel, die sie von Ost nach West in „nur“ 200 Jahren eroberten.

Die beiden Sprachgebiete kreuzten sich dann recht schnell, als die Römer von Italien aus in den Norden drängten, die Alpen überquerten und begannen, die Ebenen in Richtung Norden zu erobern. Ihr Vorstoß in die heutigen rechtsrheinischen Gebiete Deutschlands wurde erst durch den germanischen Heeresführer Arminius aufgehalten, der in der berühmten Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christus drei römische Legionen mit etwa 20.000 Mann in einen Hinterhalt führte und besiegte. Arminius hatte in seiner Jugend viele Jahre in Rom verbracht, wo er militärisch ausgebildet wurde und das römische Bürgerrecht erwarb. Er dürfte also sowohl fließend Latein als auch von Geburt an einen germanischen Dialekt gesprochen haben.

Ich hingegen verbrachte die Sommer meiner Jugend bei meiner Großmutter in Ostösterreich. Zu Arminius‘ Zeiten war dieses Gebiet erst vor Kurzem romanisiert worden, als das Römische Reich sich das keltische Königreich Noricum einverleibt hatte. Damals war das Deutsche noch nicht so weit in den Süden gelangt, doch bis ich dort meine Familie besuchte, war die Gegend schon seit langem deutschsprachig, da germanische Invasoren die romanisierten Kelten im dritten Jahrhundert n. Chr. verdrängt hatten. Dieses Fleckchen Erde ist historisch recht bedeutsam, denn das germanische Wort für Österreich – „Ostarrichi“ – wird schriftlich erstmals in Zusammenhang mit der kleinen Ortschaft Neuhofen an der Ybbs erwähnt, das gleich bei meiner Großmutter um die Ecke liegt. 996 fertigte Kaiser Otto III. eine Urkunde aus, mit der er „Niuuanhova“ (wie Neuhofen damals hieß) dem Bischof von Freising im heutigen Bayern schenkte.

Gemeinsame Begriffe

Vor 2.000 Jahren liehen sich das Lateinische und Germanische voneinander dann gerne das eine oder andere Wort. Mehrere lateinische Wörter fanden, wahrscheinlich durch den Handel, Eingang in die germanische Sprache, zum Beispiel planta (Pflanze), vinum (Wein), caseus (Käse), monasterium (Münster) und molina (Mühle). Und Englisch hat sich diese lateinischen Lehnwörter mit „plant“, „wine“, „cheese“, „monastery“ und „mill“ erhalten und ist seinen germanischen Wurzeln damit ebenfalls treu geblieben.

Umgekehrt gibt es im modernen Spanisch (und manchmal Italienisch und Französisch) eine Handvoll Wörter germanischen Ursprungs. Das spanische Wort für Krieg, „guerra“, beispielsweise ist ursprünglich ein Lehnwort des germanischen *werra, während sich das protogermanische *wisa im Englischen zu „wise“ entwickelte und sich im Italienischen und Spanischen in „guisa“ wiederfindet, was „Art“ oder „Weise“ bedeutet. Das wurde vom Englischen wiederum mit „guise“ (z. Dt. Verkleidung oder Erscheinung) übernommen. (Das Sternchen bedeutet in der Sprachwissenschaft übrigens, dass es für das nachfolgende Wort zwar keinen schriftlichen Beleg gibt, es aber von Sprachwissenschaftlern als Ursprung moderner Wortformen postuliert wird.) Mein Favorit ist „ropa“, das spanische Wort für Kleidung. Es kommt vom germanischen Verb *raubon, das im Englischen zu „to rob“ wurde. Und warum? Weil germanische Plünderer genau so ihre Beute aus Kleidung und anderen Habseligkeiten bezeichneten, die sie überraschten Römern abgenommen hatten!

Im Großen und Ganzen entwickelten sich daraus schließlich die heutigen germanischen Sprachen Deutsch, Niederländisch, Englisch und die skandinavischen Sprachen sowie die romanischen Sprachen mit Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch als prominentesten Vertretern. Nicht einmal die etwa 300-jährige visigothische Herrschaft über die iberische Halbinsel, vom frühen 5. bis frühen 8. Jahrhundert, hinterließ einen großen germanischen „Touch“ bei den iberischen Sprechern des Vulgärlateins ‒ wahrscheinlich, weil die Visigothen bis dahin ihrer eigenen Sprache schon den Rücken gekehrt hatten. Sie waren ab dem späten 4. Jahrhundert von den Hunnen aus ihrer Heimat nördlich des Donaudeltas vertrieben worden und hatten sich im Römischen Reich niedergelassen, wo sie die lokalen Gepflogenheiten und die Sprache übernahmen.

Spanish translation crop

Gemeinsame Herrscher

Später fielen die Ländereien, die heute Deutschland und Spanien bilden, unter eine mehr oder minder „vereinheitlichte“ Herrschaft. Die Habsburger, ein deutschsprachiges Fürstengeschlecht aus den oberrheinischen Gebieten der heutigen Schweiz, stellten mit der Zeit nicht nur die römisch-deutschen Kaiser, deren damaliges Reich sich über alle heutigen deutschsprachigen Länder und darüber hinaus erstreckte, sondern auch die Könige von Spanien, dessen Bewohner eine lateinische Sprache sprachen. Sogar Mexikos letzter Kaiser war ein Habsburger, nämlich Erzherzog Ferdinand Maximilian, der sich ab 1863 Maximilian I. von Mexiko nannte und 1867 vor einem republikanischen Erschießungskommando sein Ende fand.

Die sprachlichen Verbindungen aus dieser Zeit mögen zwar eher rar sein, auf kultureller Ebene sieht es damit aber schon ganz anders aus. So diente das Schloss in San Lorenzo de El Escorial bei Madrid als Modell für das Stift Klosterneuburg nahe Wien. Die Arbeiten an der Schlossanlage begannen 1563 auf Geheiß von Philipp II. von Spanien, der die Position seines Landes als Zentrum der christlichen Welt mit einem Monument verewigen wollte und mit dem Bau den spanischen Architekten Juan Bautista de Toledo beauftragte, der lange Zeit in Rom und dort unter anderem am Petersdom gearbeitet hatte.

Über 150 Jahre später entschloss sich der römisch-deutsche Kaiser Karl VI. in Wien, es seinen Verwandten in Madrid gleich zu tun, und plante ein eigenes Monument, das El Escorial in Größe und Stil kaum nachstand. Der Bau in Klosterneuburg begann 1730, kam mit dem Tod von Karl VI. im Jahr 1740 aber zum Erliegen. Obwohl die Arbeit später weiterging, wurde die Anlage nie vollendet – nur ein Achtel des ursprünglichen Bauplans wurde tatsächlich umgesetzt.

Als Teenager arbeitete ich einmal einen Monat in einer Jugendherberge gleich hinter Klosterneuburg. Wären meine Pflichten nicht derart zeitintensiv gewesen, hätte ich in aller Ruhe die barocken Wunder bestaunen können, die der Baumeister Joseph Emanuel Fischer von Erlach dort geschaffen hat. Ich hätte die Stiftskirche besuchen können, deren Grundriss noch fast genauso aussieht wie in ihrem Weihejahr 1136, den Kaisertrakt und den neoklassizistischen Flügel aus dem 19. Jahrhundert.

Gemeinsame Interessen

Auch im 20. Jahrhundert gab es Verbindungen zwischen Deutschland und Spanien ‒ positive, aber auch negative. Vor dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise unterstützte das NS-Regime im spanischen Bürgerkrieg nur zu gerne die Faschisten und ließ Stellungen der Republikaner in einer verdeckten Operation von Luftwaffeneinheiten bombardieren, was Picasso in seinem berühmten Gemälde „Guernica“ auf eindrucksvolle Weise im Großformat festhielt. Die Nazis nutzten Spanien also als Übungsplatz für ihr Militär.

In der jüngeren Geschichte finden sich aber positivere Beispiele. Die deutsche Automobilindustrie hat Mexiko als Stützpunkt im NAFTA-Verband entdeckt und viel investiert, um sich dort zu etablieren und zu wachsen. In Europa kaufte Volkswagen 1986 den spanischen Autobauer SEAT, im Gegenzug ist Spaniens Modeindustrie mit zahlreichen Läden von Desigual und Zara aus deutschen Fußgängerzonen nicht mehr wegzudenken.

Gemeinsame Stimme

In meinem Job beschäftige ich mich zwar hauptsächlich mit deutschen Ausgangstexten, doch da auch Spanisch und Französisch für unsere Kunden wichtig sind, habe ich auch mit diesen Sprachen regelmäßig zu tun. Und zum Glück sorgen meine vielen spanisch- und französischsprachigen Freunde in München und im Ausland dafür, dass meine Sprachkenntnisse immer schön frisch bleiben.

Wenn ich jetzt im 21. Jahrhundert nach Beispielen für Schnittstellen der deutschen und spanischen Kultur suchen müsste, würde ich vielleicht nach Mallorca an den Ballermann fahren. Ich bin sicher, dass ich dort, an einem der liebsten Urlaubsziele der Deutschen, einige interkulturelle Begegnungen beobachten könnte, so bierselig oder rabiat sie auch sein mögen …

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