Die Sache mit dem Sprachgefühl …

Von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Konzertsaal und warten darauf, dass eines der weltbesten Orchester zu spielen beginnt. Der Dirigent hebt den Taktstock, gibt den Einsatz – und der Raum füllt sich mit Musik.

Aus vielem eins machen: Diese Idee fasziniert mich. Aber wie funktioniert das? Mehr als einmal habe ich versucht, dieses eine Cello herauszuhören oder mich auf das Schlagzeug hinter all den anderen Instrumenten zu konzentrieren, das anfangs leise, dann immer lauter zu donnern beginnt. Ich kann nur bewundern, wie der Dirigent mit dramatischen Gesten aus jedem Instrument das Beste herauskitzelt, wie er dem gesamten Stück eine Form gibt. Ich wünschte, ich könnte das auch.

Habe ich schon erwähnt, dass ich keine Musikerin bin?

Ich kann keine Noten lesen, geschweige denn singen. Trotzdem weiß ich die Finessen klassischer Musik – oder auch der Popmusik – zu schätzen und bin immer wieder erstaunt, wie ich allein durch Zuhören mitgerissen werde oder meine Gefühle und Stimmung sich ändern. Hinter diesem Prozess steckt eine Kunst. Ich erkenne sie und kann es ihr, an einem guten Tag, sogar gleichtun: mit Worten.

Holly Mickelson

Auch Sprachen haben Gefühle

Ein guter Schreiber kann Stimmungen und Gefühle durch Wortwahl, Syntax und das Wissen um die Zielgruppe beeinflussen. Ebenso wie die Musik sind auch Sprachen lebendig: Wer ohne Gefühl schreibt, kann außer einem schalen Nachgeschmack auch keine Gefühle vermitteln.

Das bedeutet: Ein gut geschriebener Text ist weit mehr als einfach ein paar Wörter auf dem Papier. Er überträgt wie gewünscht eine Botschaft, die aber allein deshalb so effektiv ist, weil der Verfasser Sprache, Ton und Stil so virtuos eingesetzt hat, dass sie bei der gewünschten Zielgruppe mit der gewünschten Intention ankommt.

(Seien wir doch ehrlich: Wenn uns der Chef ein vierseitiges Memo mit ellenlangen Absätzen aus jeweils nur EINEM Satz schickt, was machen wir dann? Lesen wir es gleich gründlich und in einem Stück durch? Oder packen wir es doch eher auf unsere Aufgabenliste? Hier hat sich der KISS-Ansatz bewährt: Keep It Simple Stupid.)

Feel for language

Einen Rahmen schaffen

Zu Beginn lege ich die Eckpfeiler fest: Für wen schreibe ich? Aus welchem Anlass? Wer soll den Text lesen? Auf dieser Basis geht es dann weiter: Welche Textlänge ist angebracht? Welche Sprache und Wortwahl sind nötig, um dem Leser auch komplexe Ideen zu vermitteln, ohne seine Aufmerksamkeit zu verlieren? Klar, dass Marketingtexte, Finanzberichte und auch Blogs hierbei sehr unterschiedlicher Ansätze bedürfen.

Es dauert also, das mit der Sprache richtig „hinzukriegen“. Die Hälfte von dem, was ich schreibe, fliegt auch wieder raus – und dann hatte ich einen guten Tag. Der erste Entwurf ist niemals gut genug, und es ist durchaus sinnvoll, den Text vor der nächsten Überarbeitung beiseite zu legen. Auch ich bin also ein Dirigent: Mit präziser Hand, einem guten Ohr (und ein wenig Übung) kann aus Wörtern Musik werden.

Ich habe Glück: Ich schreibe gerne, kann es jeden Tag tun und werde dafür sogar bezahlt. Natürlich bekomme ich nicht nur meine Traumaufträge zugewiesen. Trotzdem ist es immer meine Aufgabe, Rahmen und Ziel festzulegen und sie perfekt zu erfüllen.

Vom Wort zur Musik

Ich schreibe nicht nur – ich redigiere und übersetze auch. Es kann schwierig sein, mit Worten zu arbeiten, die jemand anderes niedergeschrieben hat, besonders dann, wenn der eine oder andere Aspekt eher vage ist. Dann muss ich das fehlende Puzzleteil finden und einpassen.

Auch beim Übersetzen braucht man ein „musikalisches“ Gehör und – das wird Sie jetzt nicht überraschen – ein Verständnis für zwei Sprachen. Zwar „höre“ ich Deutsch nicht so klar wie Englisch, verstehe aber wohl die Melodie hinter den einzelnen Wörtern. Es ist ein Lernprozess. Verschiedene Sprachen, auch miteinander verwandte, transportieren Informationen auf unterschiedliche Weise. Die Satzstrukturen sind anders. Redensarten lassen sich manchmal nicht übertragen, und was kulturelle Bezüge angeht … nun, jeder, der mit Menschen anderer Altersgruppen zusammenarbeitet, kennt das Problem. Ich bin in den Siebzigern großgeworden; sind die Leser, die meine Übersetzung erreichen soll, nicht meines Alters, können Bezüge manchmal nicht verstanden werden.

Redakteure und Übersetzer haben viel mit unserem eingangs erwähnten Dirigenten gemeinsam: Wir hören genau zu und geben alles, um den Text, der uns vorliegt, zu einem verständlichen, zielführenden und musikalischen Ganzen zu formen.

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