Die Welt der Sprachvermittlung und ihre Terminologie

Von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Manuel Baer

Die nachfolgenden Erläuterungen einiger geläufigerer Fachbegriffe sollen Ihnen einen Einblick in den Übersetzungs- und Dolmetschbereich geben und bestimmte Konzepte kurz und bündig beschreiben. Sie liefern zudem Denkanstöße zu den Themen Sprachkompetenz sowie Zwei- und Mehrsprachigkeit.

Ausgangs- und Zieltext

Die Grundbegriffe sind relativ einfach: Beim Ausgangstext handelt es sich um das zu übersetzende Original, beim Zieltext um das Ergebnis (im Englischen: source / target text). Ausgangs- und Zieltext unterscheiden sich meist in der Länge – wie stark, hängt von der jeweiligen Sprachkombination ab. Bei Übersetzungen vom Deutschen ins Englische beispielsweise wird der Zieltext meist rund 20 % kürzer. Das ist normalerweise kein Problem, kann in der anderen Sprachrichtung aber Probleme verursachen. Denn während die Textlänge bei Briefen oder Berichten meist nicht ins Gewicht fällt, kann sie bei Grafiken oder Kästen, wie sie häufig in PowerPoint-Präsentationen zu finden sind, für einiges Kopfzerbrechen sorgen. Glücklicherweise kann man dem im Deutschen häufig mit Abkürzungen begegnen.

Kristin Fehlauer

A-, B- und C-Sprache

Übersetzer und Dolmetscher stufen ihre (beruflichen) Sprachkompetenzen oft nach dem ABC-Prinzip ein.

Als A-Sprache bezeichnet man die Muttersprache. Die meisten Menschen haben nur eine echte A-Sprache, denn selbst wer mehrsprachig aufgewachsen ist, beherrscht in der Regel eine Sprache besser als die andere(n) bzw. verwendet diese lieber oder häufiger. Denn sich mit seiner armenischen Großmutter zu unterhalten, ohne nach Worten zu ringen oder Grammatikfehler zu machen, ist etwas ganz anderes, als in einer Sprache richtig lesen und schreiben zu können.

Die B-Sprache ist eine Fremdsprache, die man in Wort und Schrift beherrscht. Sie ist eine aktive Arbeitssprache, aus der oder in die man dolmetscht und mitunter übersetzt. Jemand mit Koreanisch als A- und Spanisch als B-Sprache könnte also Inhalte aus dem Koreanischen ins Spanische (und umgekehrt) übertragen. (Wobei wir aus Liebe zur Perfektion intern ausschließlich in unsere jeweilige Muttersprache übersetzen.)

Die C-Sprache bezeichnet passive Kenntnisse – man versteht die Sprache also, verwendet sie aber nicht aktiv oder spricht sie auf professionellem Niveau. Konferenzdolmetscher verfügen teilweise über mehrere C-Sprachen, dolmetschen aus diesen aber in ihre A- oder B-Sprache. Dasselbe gilt für Übersetzer: Sie verstehen eine bestimmte Sprache in Schriftform gut genug, um aus ihr in die Zielsprache zu übersetzen, sprechen die C-Sprache aber nicht unbedingt fließend.

Translation terms

Simultan und Konsekutiv

Beim Dolmetschen sind die beiden bekanntesten Disziplinen das Konsekutiv- und das Simultandolmetschen. Letzteres haben die meisten Menschen vor Augen, wenn sie das Wort „Dolmetscher“ hören: Jemand sitzt z. B. bei den Vereinten Nationen in einer Kabine und spricht in das Mikrofon seines Headsets. Die Besonderheit besteht darin, dass der Dolmetscher simultan – also gleichzeitig – die Aussagen des Redners verfolgt und diese in die Sprache des Zielpublikums bringt, und das mit möglichst geringem zeitlichem Versatz.

Beim Konsekutivdolmetschen wird zeitversetzt gearbeitet: Der Redner spricht für einige Minuten, anschließend trägt der Dolmetscher die zielsprachliche Version vor. Sobald er mit einem Abschnitt fertig ist, fährt der Redner fort; es spricht also immer nur eine Person. Gedolmetscht wird entweder nur von einer Sprache in die andere, z. B. bei Reden, oder in beide Richtungen, wie bei Gesprächen oder Verhandlungen.

Übrigens: Wenn Sie einen guten Film über Dolmetscher sehen wollen, schauen Sie statt Die Dolmetscherin mit Nicole Kidman lieber Die Flüsterer an, der das Arbeitsleben von Dolmetschern recht gut darstellt. Von diesem Film gibt es neben der englischen Fassung – The Whisperers – auch noch die französische Version mit dem (in meinen Augen) wesentlich besseren Titel La voix des autres.

Dann gibt es da noch das Stegreifübersetzen, quasi der Mittelweg zwischen Übersetzen und Dolmetschen und zudem Bestandteil meines damaligen Studiums: Dabei bekommt man einen Text, meist zu einem aktuellen Thema, der bei entsprechender Länge in einige Absätze pro Student aufgeteilt oder, sofern er maximal eine halbe Seite umfasst, von einem Studenten allein übernommen wird. Darauf folgen ein paar Minuten Vorbereitungszeit, in der man mitunter das eine oder andere unbekannte Wort nachfragen darf (schließlich durften wir weder Wörterbücher noch das Internet verwenden). Wer an der Reihe war, trat nach vorn und gab seine Übersetzung wieder, fast so, als würde er eine Rede vorlesen – aus einem deutschen Artikel machten wir also „aus dem Stegreif“ einen englischen Text. Diese Aufgabe gehört zwar nicht zum Arbeitsalltag eines Übersetzers, ist aber eine hervorragende Übung, um schneller zu werden und seine Redekompetenz vor Publikum zu stärken, was nie schadet.

Ihre Bedeutung für unsere Arbeit

Nachdem wir bei BVIW keine Dolmetschleistungen anbieten, stellt sich vielleicht die Frage, inwiefern uns die genannten Begriffe, die sich hauptsächlich auf diesen Bereich beziehen, überhaupt betreffen. Dieser Einwand mag berechtigt sein, aber da wir in der Welt der Sprache tätig sind, beschäftigen auch wir uns tagtäglich mit derartigen Themen: Habe ich den Ausgangstext richtig verstanden? Wie bringe ich den Zieltext auf die zulässige Länge, ohne Inhalte wegzulassen? Was bedeutet es eigentlich, Englisch als A-Sprache zu haben? Kann ich mich vollkommen auf mein Bauchgefühl und mein Verständnis für meine Muttersprache verlassen? Übersetze ich für andere Muttersprachler oder eine Zielgruppe mit Englisch als B- oder sogar C-Sprache?

Wenn Sie also beim nächsten Mal mit jemandem plaudern und erfahren, dass er Übersetzungswissenschaften mit Englisch als A- und Deutsch als B-Sprache studiert hat und danach noch Russisch als C-Sprache dazukam, wissen Sie, was er damit meint, und haben eine bessere Vorstellung von seiner Arbeit. Und das ist entscheidend für eine reibungslose Kommunikation – sogar bevor sie überhaupt stattfindet.

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