Ein chiropraktischer Ansatz für die Suche nach Redakteuren und Übersetzern

von Anton Van Iersel; aus dem Englischen von Julia Harwardt

Der menschliche Körper ist komplex – und zwar so sehr, dass wir ihn in verschiedene Bereiche aufgeteilt und für die Behandlung verschiedenen Spezialisten zugewiesen haben. Der Patient muss also nur den richtigen finden und hoffen, dass der Schmerz an der einen Stelle nicht ausgerechnet mit einem Körperteil zusammenhängt, der außerhalb des Fachgebiets seines Spezialisten liegt. Seit Jahren schon versuche ich bei verschiedenen Fachleuten, eine Lösung für meine Rückenschmerzen zu finden – und genauso lange bin ich auch schon auf der Suche nach Redakteuren und Übersetzern für mein Unternehmen. Beide Probleme machen mir ziemlich zu schaffen. Aber inwiefern hängen sie zusammen?

Die Versuchung, einfach im Bett zu bleiben, war heute Morgen sehr groß, als ich mich ‒ wie mittlerweile Usus ‒ ächzend und stöhnend auf den Weg zum Wasserkocher machte und mein Körper meine Geduld wieder einmal auf die Probe stellte. Aber da half nichts, denn heute stand wieder ein Bewerbergespräch auf dem Programm. Während ich an meiner ersten Tasse Tee nippte, fragte ich mich, ob die heutige Kandidatin wohl meinen heroischen Akt des Aufstehens wert sein würde. Doch wenigstens hatte ihr erster Redaktionsjob meine Geduld nicht überstrapaziert. Seufzend presste ich meine Knöchel in meine Lendenwirbelsäule und erkannte plötzlich, dass die Suche nach dem richtigen Therapeuten ebenso auch eine Glückssache ist wie die Suche nach einem Übersetzer mit den richtigen Qualifikationen. Wenigstens mein Hirn kam also langsam in Fahrt …

Ich könnte jetzt eine ganze Liste mit den Fachärzten, Indikationen, Behandlungen und Therapien herunterrattern, die ich in den letzten vier Jahren kennengelernt habe, und Ihnen zeigen, was ich mittlerweile so alles über Hüfte und Wirbelsäule weiß. Aber das sparen wir uns lieber.

Das große Ganze

Ebenso wenig bringt es etwas, alle Problemstellungen, Pros und Contras, Ansätze, Technologien und Grundqualifikationen aufzählen, die bei der „Behandlung“ der neuralgischen Punkte in der Kommunikation auftreten ‒ vor allem, da viele von ihnen, ähnlich wie die verschiedenen Therapieformen, nur in bestimmten Fällen greifen. Als jemand, der seit 24 Jahren beruflich in der Unternehmenskommunikation aktiv ist, interessieren mich die großen Zusammenhänge in meinem Fachgebiet, die mir helfen, die richtigen Leute für die erwähnten Probleme zu finden. Vor sechs Wochen konsultierte ich einen Chiropraktiker, der mir nach der Untersuchung erklärte, warum die ganzen bisherigen Behandlungen nicht funktionierten und auch nicht funktionieren konnten. Seine Therapie funktioniert. Wonach suche ich also speziell bei dem heutigen Bewerbergespräch?

Früher bin ich leidenschaftlich gern gejoggt ‒ bis mich heftige Krämpfe in meinem rechten Bein, die auch noch so vieles Stretchen nicht lindern konnten, dazu zwangen, nach einer Schmerztherapie zu suchen. Da ich noch nicht völlig „schief“ vor ihm stand, vermutete mein erster Orthopäde, dass der Grund des Problems wohl ein eingeklemmter Nerv in meiner Lendenwirbelsäule sei. Zunächst wurde ich für einige Röntgenaufnahmen in die Röhre, dann ins Krankenhaus gesteckt, das ich einige Wochen später verließ, nachdem die verrutsche Bandscheibe teilweise entfernt worden war. Als der Schmerz völlig unerwartet anhielt, fühlte es sich für mich wie ein grobes „Missverständnis“ an. Was hatte mein Orthopäde übersehen?

Die Suche nach dem Kernproblem

Die meisten Übersetzer überfliegen einen Text vielleicht einmal und legen dann oft direkt mithilfe von Tools los, die, sofern vorhanden, eine Übersetzung mit ähnlichen Inhalten vorschlagen. Einen Text Zeile für Zeile abzuarbeiten, ist keine gute Idee und kann dazu führen, dass die ursprüngliche Aussage des Autors missverstanden wird. Steht das Kernproblem nicht im Fokus, kann der Text fehlinterpretiert werden ‒ das kann manchmal richtiggehend weh tun …

Auch mein zweiter Orthopäde, der sich sofort auf die vermeintlichen Fehler meines ersten Orthopäden stürzte, übersah das Grundproblem. Die Entfernung des Narbengewebes aus meiner ersten Operation und – zum zweiten Mal – des verrutschten Teils der Bandscheibe war ein Desaster. Mein Glaube an Orthopäden war in den Grundfesten erschüttert. Für mich ähnelt ihre Vorgehensweise einer redaktionellen Überarbeitung, bei der man den Quelltext nicht versteht. Denn dann sind die Chancen, dass ich tatsächlich begreife, warum die Übersetzung ihr Ziel verfehlte, recht gering.

Mein Chiropraktiker nahm sich tatsächlich die Zeit, um die Ursache meines Kernproblems herauszufinden: Keiner der anderen Spezialisten hatte bemerkt, dass meine Hüfte schief war. Sie verdrehte die Rückenwirbel und Bandscheiben dazwischen, durch die gesamte Lendenwirbelsäule bis hinauf zum Nacken. Dort hatte ich zwar auch Probleme gehabt, aber kein Orthopäde schien der Meinung zu sein, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Der Chiropraktiker erklärte mir, dass jede Operation, sollte ich jetzt überhaupt eine brauchen, von vornherein wertlos war, solange die Hüfte nicht wieder gerade und die Rückenwirbel nicht in der richtigen Position waren. Bevor ich mich also morgens zum Wasserkocher bemühe, mache ich heute erst einmal einige Übungen.

Verknüpfte Ideen

´Chiropraktiker sehen sich den gesamten Bewegungsapparat an: Skelettstruktur, Muskeln, Sehnen, Nerven, die gesamten Abläufe. Und ein guter Chiropraktiker weiß, wie man sie dazu bringen kann, problemlos und effektiv im gesamten Körper miteinander zu agieren. Vielleicht mache ich hier übermäßig Gebrauch von Analogien, aber auch ein guter Redakteur und Übersetzer sieht seinen Text im gesamten inhaltlichen Kontext: über welche Organisation er schreibt, welche Themen mit dem Inhalt verknüpft sind, was der Autor im Kern aussagt und für wen der Text bestimmt ist ‒ um nur einmal die Grundlagen zu nennen.

Deshalb halte ich bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern nach den „Chiropraktikern“ Ausschau, also nach denen, die nicht nur auf spezifische Gebiete spezialisiert sind, sondern auch ein gutes Gefühl für die Zusammenhänge im Unternehmensumfeld haben. Denn hier muss man wirklich verstanden haben, wie Inhalte aus verschiedenen Quellen einen ganzheitlichen „Körper“ aus verknüpften Ideen bilden. Nimmt man sich die Zeit, diese Beziehungen zu erkennen, setzt sich die Botschaft jedes Texts, bildlich gesprochen, reibungslos und effektiv in Bewegung.

Apropos Bewegung: Menschen wie ich, die viel am Schreibtisch arbeiten, brauchen davon eine ganze Menge, wenn sie keine Rückenschmerzen bekommen wollen. Doch wenn einer meiner Kollegen heute über solche Beschwerden klagt, empfehle ich ihm, zuallererst einen Chiropraktiker aufzusuchen. Für mich ist das ebenso eine Best Practice wie diejenigen, die sie ohnehin Tag für Tag bei ihrer Arbeit befolgen.

Als ich mich mühsam von meinem Schreibtisch erhebe, um meine amerikanische Bewerberin zu unserem Gespräch zu begrüßen, fragt sie mich als allererstes, ob ich denn schon bei einem Chiropraktiker gewesen sei – und entwickelt im weiteren Gespräch gleich neue faszinierende Analogien.

Ich denke, sie wird so schnell keine Missverständnisse übersehen.

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