Neuland: Terminologiearbeit für neue Technologien

von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Manuel Baer

Mit am besten gefällt mir an meiner Arbeit, dass ich Texte aus Forschung und Technik übersetze. Dadurch erfahre ich von Neuentwicklungen, die manchmal erst Monate oder Jahre später auf den Markt kommen. Es ist spannend, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und herauszufinden, wie Forscher und Wissenschaftler unser Leben einfacher, sicherer und besser machen wollen.

Dieses unbekannte Terrain birgt jedoch spannende sprachliche Herausforderungen, denn als Übersetzerin muss ich Dinge beschreiben und manchmal auch benennen, die es noch gar nicht gibt. Wie kann ich also sicherstellen, dass ich gängige, eindeutige Bezeichnungen verwende?

Kristin Fehlauer

Wie weit darf ich gehen?

Ein gutes Beispiel für dieses Problem ist Industrie 4.0 (bzw. auf Englisch „Industry 4.0“). Die Bezeichnung wird hauptsächlich im deutschsprachigen Raum für die vernetzte Fertigung verwendet. In den USA spricht man hingegen eher von „industrial internet“ oder einer „smart factory“. Geht es in einem deutschen Text um Industrie 4.0, habe ich für die Übersetzung ins Englische mehrere Möglichkeiten. Die einfachste Lösung wäre „Industry 4.0“ (oder „industry 4.0“ – Groß- und Kleinschreibung ist ein eigenes Thema, auf das ich weiter unten eingehe). Dadurch erkennt der Kunde, dass ich mich bei der Übersetzung an seiner Formulierung orientiere, was oft sehr wichtig ist. Dementsprechend kann wahrscheinlich jeder, der im betreffenden Unternehmensbereich tätig ist oder mit diesem zusammenarbeitet, etwas mit dem Terminus anfangen, selbst wenn er ihn bislang nur auf Deutsch gehört hat.

Was aber, wenn der Text eine breitere Leserschaft anspricht, etwa die Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens in Hongkong? Ist ihnen klar, was das Stammhaus mit der Bezeichnung meint, oder ist ihnen ein anderer Terminus geläufiger? Und was, wenn nicht Mitarbeiter, sondern die Öffentlichkeit angesprochen werden soll? Bei „industrial internet“ ist zu klären, ob die Bezeichnung international oder nur in den USA bekannt ist. Abhängig vom Stil und Format der Mitteilung könnte ich auch näher am deutschen Original bleiben und eine Kurzdefinition in Klammern oder einer Fußnote anfügen. Neben Textlängenbegrenzungen sind beim Übersetzen auch immer Stil und Sprachebene, der sprachliche Hintergrund des Lesers und Kundenvorgaben zu beachten. Diese Aspekte sind umso wichtiger, wenn es keinen Präzedenzfall gibt, an den man sich halten kann.

Naming the unnamed

Die Nachfolgen

Unlängst waren wir uns im Team nicht ganz sicher, ob wir „Digitalisierung“ mit „digitization“ oder „digitalization“ übersetzen sollten. Zu einem gewissen Grad kann man hier durchaus unterscheiden: „digitization“ bezeichnet die Konvertierung analoger in digitale Formate, „digitalization“ bedeutet, (Geschäfts-)Bereiche zu erschließen, in denen Vernetzung und Internet eine große Rolle spielen. Jedoch gibt es auch Überschneidungen, und zu dem Zeitpunkt war eine so genaue Differenzierung noch nicht möglich. Da die Übersetzungen letztlich für Fachleute gedacht waren und online veröffentlicht werden sollten, wussten wir bereits vorher, dass unsere Entscheidungen sich, wenn auch relativ geringfügig, sprachlich auf die Diskussionen zur Digitalisierung auswirken würden.

Manchmal geht es gar nicht um das Wort selbst, sondern um seine Schreibweise. Früher wurden „Internet“ und „World Wide Web“ auch im Englischen noch großgeschrieben, doch irgendwann waren diese Bezeichnungen so geläufig, dass man nur noch „the internet“ und „the web“ schrieb. Analog dazu sollte es daher logischerweise auch „internet of things“ heißen. Wäre dann aber bei „industry 4.0“ eine Großschreibung angebracht, um hier ähnlich wie vor einigen Jahrzehnten bei „Internet“ auf ein neues Phänomen oder Konzept aufmerksam zu machen, oder sollte man es als ganz normales Nomen behandeln? Wir diskutieren viel über diese scheinbar nebensächlichen Probleme, da wir uns bewusst sind, welche Tragweite unsere Antworten haben können. Übersetze ich einen Text, der im Internet veröffentlicht wird, stoßen andere Übersetzer und Kommunikationsfachleute eventuell bei ihrer Recherche darauf. Daher müssen wir nicht nur sicherstellen, dass unsere Lösungen gängig und konsistent zu früheren Übersetzungen sind, sondern uns auch darüber im Klaren sein, dass wir Präzedenzfälle schaffen. Andererseits können wir es uns angesichts kurzer Durchlaufzeiten oft schlichtweg nicht erlauben, alle möglichen Szenarien zu überdenken.

Der Herausforderung gewachsen

Diese Unsicherheit ist manchmal frustrierend – es ist wesentlich angenehmer, einen Text mit vertrautem Vokabular zu übersetzen, dessen zielsprachliche Entsprechungen man bereits kennt. Neuland zu betreten, kann aber auch spannend sein. Nachdem wir umfassend recherchiert und verschiedene Möglichkeiten geprüft haben, liegt das letzte Wort dann beim Kunden. Das ist nur ein Grund dafür, weshalb eine gute Kundenbeziehung wichtig ist, denn so können wir unsere Beweggründe erklären und bei Bedarf zusammen mit dem Kunden auf eine zufriedenstellende Lösung hinarbeiten. So leisten wir mit unserer Arbeitsweise einen kleinen, aber nicht unwichtigen Beitrag zu bahnbrechenden Entwicklungen in Forschung und Technik.

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