Der Übersetzer: Mensch vs. Maschine

Von Daniel Taylor, aus dem Englischen von Manuel Baer

Vielleicht haben Sie kürzlich den Film The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben über den brillanten englischen Kryptoanalytiker Alan Turing gesehen. Er trug maßgeblich dazu bei, dass die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die deutsche Chiffriermaschine Enigma entschlüsseln konnten, und gilt wegen seiner wegweisenden Arbeit in der theoretischen Informatik als Begründer der modernen künstlichen Intelligenz.

Daniel Taylor

Besonders eindrucksvoll fand ich, wie der Film die größte Genialität, aber auch die tiefsten Abgründe des Menschen aufzeigte: einerseits der herausragende Wissenschaftler Turing, andererseits die engstirnigen Menschen, die ihn für seine sexuelle Orientierung verfolgten – ein Detail, das heutzutage in Großbritannien kaum für Aufsehen sorgen würde.

Turings Leistungen einerseits und das schändliche Verhalten seiner Widersacher andererseits zeigen uns, dass es entscheidend ist, wie wir unsere geistigen Fähigkeiten einsetzen. Natürlich beleuchtet der Film dieses Thema aus einem ganz eigenen Blickwinkel, aber ich finde, dass sich dieser Kernaspekt auch auf die Übersetzungsbranche übertragen lässt. Denn zwischen Übersetzern, die ihr geistiges Potenzial wie Turing dazu nutzen, frei, kreativ und kritisch zu denken, und jenen, die Texte stur herunterübersetzen, ohne ihren Inhalt zu hinterfragen, liegen ebenfalls Welten.

Human touch

Ich meine, dass diese Frage letztlich darüber entscheidet, ob ein Übersetzer die neuen Herausforderungen in diesem Markt erfolgreich meistern kann. Es ist gemeinhin bekannt, dass Übersetzungssoftware ihre menschlichen Pendants immer stärker unter Druck setzt und auf diesem Gebiet ein vermeintlicher Konflikt zwischen Mensch und Maschine besteht. Will der Übersetzer also weiterhin Erfolg haben, muss er unter Beweis stellen, was er automatisierten Übersetzungstools voraushat.

Turings Geschichte und der Konflikt zwischen Mensch und Maschine, den sie beschreibt, hält uns vor Augen, was uns Menschen so besonders macht. Einfach ausgedrückt sind es dieselben Fähigkeiten, die Turing beim Entschlüsseln der Enigma zum Erfolg führten, also Unabhängigkeit, Kreativität und kritisches Denken, mit denen sich ein guter Übersetzer von der digitalen Konkurrenz abheben kann. Im Bereich hochwertiger, markenorientierter Unternehmenskommunikation, bei der die Ausdrucksweise ebenso wichtig ist wie der Inhalt, übertragen kompetente Übersetzer nicht einfach nur Inhalte in eine andere Sprache, sie verpacken wichtige Botschaften in ansprechende Worte – für eine gezielte Wirkung und einen einzigartigen Mehrwert.

Anders als Turings Verfolgern und der unter Tiefstpreisen leidenden Übersetzungsbranche ist professionellen, geistig agilen Übersetzern vollkommen klar, dass es auch anders geht. Sie widersetzen sich dem Trend zur automatisierten Fließbandarbeit. Denn sie sind sich vollkommen bewusst, dass sie keiner maschinellen, sondern einer kreativen, geistig höchst anspruchsvollen Tätigkeit nachgehen. Noch wichtiger ist allerdings, dass Übersetzern eine entscheidende Rolle in der Kommunikation zukommt, einer einzigartigen menschlichen Fähigkeit. Grund genug also, dem Menschen den Vorzug vor der Maschine zu geben.

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