Ihre Übersetzung gefällt mir nicht

von Solveig Rose

So mancher Übersetzer kennt die Situation: Der Text, den der Auftraggeber „so schnell wie möglich“ braucht, ist gespickt mit Fachwörtern und internem Expertenjargon. Für die fachkundigen Leser sind die Zusammenhänge glasklar, der außenstehende Übersetzer aber rätselt, was die Korngrößenverteilung von Calciumfluorid mit dem Ergebnis der Dehydrofluorierung zu tun hat. Fieberhaft werden Wörterbücher gewälzt, Begriffe gegoogelt, Webseiten aufgerufen, wieder geschlossen. Endlich ist das Werk vollbracht, die Lieferfrist eingehalten und – eigentlich ist man mit dem Ergebnis ganz zufrieden. Das Urteil des Kunden kommt daher wie eine kalte Dusche: „Ihre Übersetzung gefällt mir nicht“.

Solveig Rose

Warum? Schließlich hat man doch alle Fachbegriffe gefunden. Überall logische Verknüpfungen hergestellt. Und letztendlich sogar verstanden, was der Unterschied zwischen Pentafluorpropan und Pentafluorpropen ist. Tatsächlich bemängelt der sachkundige Auftraggeber keineswegs den Inhalt der Übersetzung. Auch sind ihm keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler aufgefallen. Was ist also passiert?

Das historische Dilemma

Immer wieder hört man: „Beim Übersetzen muss man nur die Wörter in der anderen Sprache kennen“. Dass sich Übersetzung nicht nur auf reine Vokabelarbeit beschränkt, erkannte jedoch bereits Cicero, der zwischen der wortgetreuen („ut interpres“) und der sinngetreuen Übersetzung („ut orator“) unterschied. Unter gewissen Umständen müsse man sich nicht „am Wortlaut der Vorlage, sondern wie ein Redner an seinen Hörern“ orientieren. Und in der Tat ist es bisweilen schwierig zu entscheiden, wie wortgetreu die Übersetzung sein muss oder wie stark sie in der Formulierung vom Original abweichen darf. Die Losung heißt hier: „Die Dominante aller Translation ist deren Zweck“. Was bedeutet, dass sich der Übersetzer, um seinem Kunden zufriedenstellende Arbeit zu liefern, folgende Fragen stellt:

  • Um welche Textart handelt es sich?
  • Wer wird den Text lesen?
  • Wofür ist der Text bestimmt?
  • Was soll der Text bewirken?

Liegt beispielsweise ein Text aus dem Rechtsbereich, eine Unternehmenssatzung oder ein Gerichtsurteil vor, gebietet es sich meist, nah am Ausgangstext zu bleiben, um Unterschiede zwischen den Rechtssystemen kenntlich zu machen. Die Übersetzung wirkt „verfremdend“, sodass sich der Leser in den Sprach- und Kulturraum des Ausgangstextes hineinversetzen muss. Machen zu große kulturelle Diskrepanzen eine Aussage für das Zielpublikum nicht nachvollziehbar, liegt es im Ermessen des Übersetzers, erklärend einzuschreiten. Mit „einfach nur Wörter übersetzen“ ist es hier bei Weitem nicht getan.

Anders verhält es sich bei Werbe- oder Webseiteninhalten: Der Übersetzer, der sich die richtigen Fragen stellt, merkt schnell, dass hier die Wirkung – der Sinn – des Textes im Vordergrund steht und eine zu wörtliche Übertragung diese eher beeinträchtigt. Der Leser soll informiert oder motiviert werden. So kann es dann auch geschehen, dass die Übersetzung auf völlig andere Metaphern oder Wortspiele zurückgreift, um sie der Kultur und den Sprachkonventionen des Lesers anzupassen. In der Tat würde das deutsche Publikum doch erstaunt die Stirn runzeln, wenn sich der Pudding – wie im Englischen – beim Essen beweisen müsste. Im Deutschen geht schließlich Probieren über Studieren!

Photo credit: Galuco92

Übersetzung 4.0 – neue Herausforderungen

Im Zeitalter von Internetblogs, Intranetportalen und Onlinemagazinen gesellen sich jedoch zusätzliche Schwierigkeitsfaktoren zu den klassischen Übersetzungsstrategien. So darf beispielsweise eine vorgegebene Länge nicht überschritten werden, was oft knappe, prägnante Formulierungen erfordert, die aber gleichzeitig ihre Wirkung nicht verfehlen dürfen. Die Suche danach kann sich als langwierig erweisen – doch Zeit ist im digitalen Zeitalter Mangelware. Nicht selten gilt es daher, den besten Kompromiss zwischen Genauigkeit, Textlänge und Zeitdruck zu finden.

Apropos Zeitdruck: Wenn mehrere Übersetzer gleichzeitig an einem Text arbeiten, um ihn fristgerecht zu liefern, stellt die einheitliche Verwendung von Fachbegriffen und Ausdrücken eine weitere Herausforderung dar. Um sie zu meistern, sind eine enge Zusammenarbeit und ein regelmäßiger Austausch untereinander unerlässlich, was moderne Technologien wie Chatgruppen, Clouds und Übersetzungssoftwares deutlich erleichtern. Voraussetzung ist hierbei, dass alle Beteiligten technologisch auf dem neuesten Stand sind und der Umgang mit den Tools keine Probleme bereitet.

Gerade in internationalen Unternehmen kommt es zudem vor, dass für Textinhalte von Land zu Land unterschiedliche Konventionen und Vorgaben einzuhalten sind. Während die Sprache in einer Tochtergesellschaft blumig und enthusiastisch anmutet, legt man andernorts womöglich mehr Wert auf einen nüchternen, sachlichen Stil. In diesem Fall geht die Aufgabe des Übersetzers über die bloße Übertragung des Originals in die Zielsprache hinaus. Vielmehr verfasst er einen neuen Text, dessen Inhalt zwar dem ursprünglichen Dokument entspricht, der aber in seiner Formulierung an die Konventionen des zielsprachlichen Standorts angepasst ist. Ein heißes Eisen, schließlich ist es nicht immer einfach, einzuschätzen, wie weit die Übersetzung vom Original abweichen darf und soll, ob gegebenenfalls Informationen hinzuzufügen sind, die das zielsprachliche Publikum besonders interessieren dürften, oder im Gegenteil weggelassen werden sollten, weil sie nicht relevant sind. So könnten in einem französischen Text Vorgänge eines Unternehmens an seinem deutschen Standort nur am Rande erwähnt werden, während sich die deutsche Leserschaft weniger für die Entwicklungen bei den französischen Kollegen begeistert.

Vom Übersetzer zum Dienstleister

Sind mehrere Herausforderungen wie etwa Längenbeschränkung, Zeitdruck und Stilkonventionen gleichzeitig zu bewältigen, entsteht ein komplexes Anforderungsprofil, dessen Erfüllung der Quadratur des Kreises gleichkommt. So erstaunt es kaum, dass klassische Qualitätskriterien wie Rechtschreibung und inhaltliche Korrektheit heutzutage als ohnehin vorausgesetzt in den Hintergrund treten. Stattdessen sind Übersetzer gefordert, einen Ausgangstext anhand der gewünschten Vorgaben der Zielleserschaft sprachlich, inhaltlich und stilistisch begreiflich zu machen. Dazu bedarf es einer engen Abstimmung mit dem Auftraggeber, um einerseits dessen Vorstellungen und Wünsche auszuloten und ihn andererseits auf mögliche Schwierigkeiten hinzuweisen. Aus dem klassischen Übersetzer wird so ein Sprachexperte, Redakteur und Berater, für den der Servicegedanke am Kunden zunehmend in den Vordergrund rückt.

Im günstigsten Fall wird die ausgewogene Kombination aller zu berücksichtigenden Faktoren mit der zufriedenen Rückmeldung des Kunden belohnt: „Der Text liest sich, als hätten wir ihn selbst geschrieben“.

¹ Stolze, R. (2005): Übersetzungstheorien. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag. S. 18.

² Reiß, K./Vermeer, H. J. (1991): Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie. Tübingen: Niemeyer. S. 96.

³ Vgl. das Konzept der „foreignizing translation“ von Lawrence Venuti (1995): The Translator’s Invisibility: A History of Translation. London und New York: Routledge.

Kommentar verfassen