Undercover in der Au

Von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Beyrer lehnt sich im Stuhl zurück und putzt mit dem Ärmel konzentriert ihre Brille. Nach einem prüfenden Blick gegen das Licht wendet sie sich wieder an das Team: „Also, was haben wir?“
Vom Eckschreibtisch her schaltet sich Harwardt ein: „Kein Ergebnis bei den üblichen Kanälen, ein paar Spuren, aber nichts Konkretes.“
Auch Rose, die interne Übersetzungssoftware-Expertin, hat keinen Erfolg: „Keine Treffer in der Datenbank. Ich durchforste gerade einige Bilder, aber so etwas ist bislang nirgends aufgetaucht.“
Frustriert schnaubt Beyrer durch. „Baer, könntest du auch mal was beitragen?“
Der dunkelhaarige Allgäuer lugt mit seinen fast schon obligatorischen Kopfhörern hinter den Bildschirmen seines PCs hervor: „Sorry, Boss. Ich hab’s mir eben kurz angesehen, aber das sagt mir rein gar nichts. Außerdem stecke ich gerade mitten im Aerospace-Projekt.“
Beyrer nickt ihm resigniert zu. Aber ans Aufgeben denkt sie noch lange nicht; schließlich hat sie noch einige andere Asse im Ärmel. „Ok. Ich denke, wir sollten das mal dem E-Team zeigen.“

Kristin Fehlauer

Verstärkung ist unterwegs!

Der Tag beginnt für das E-Team wie jeder andere. Peters kommt um 9:30 Uhr im Büro an und bevor er mit einer Tasse Kaffee an die Arbeit geht, dreht er schnell seine übliche Morgenrunde, begrüßt seine Teamkollegen und gibt hier und da – wie so oft – einen zweideutigen Witz zum Besten. Während Mickelson und Eck konzentriert an einigen Texten schreiben, adaptieren Worthen und Fehlauer sorgfältig ein paar Passagen und fügen hie und da neue hinzu.
Peters steckt seinen Kopf kurz noch in den „Croom“, wo Rae, Veteran zahlreicher Projekte und Kampagnen, sich bereits müde die Augen reibt. „Harter Morgen?“, fragt Peters. Seufzend nickt Rae. „Das ist reinste Knochenarbeit; neben den üblichen Problemchen an der Oberfläche gibt es dieses Mal noch ein paar richtig tiefgreifende Probleme mit der Struktur, ganz zu schweigen von unzähligen Passivformulierungen und falschen Bezügen.“ Er fährt sich durch sein Haar und linst auf die Uhr. „Ich sitze jetzt schon seit zwei Stunden daran. Vor dem Mittagessen werde ich das kaum entwirren können.“
Peters nickt verständnisvoll. „Klingt übel. Sag Bescheid, wenn du was brauchst.“ Rae winkt ihm dankend zu und widmet sich wieder seinen Bildschirmen, während Peters den Weg Richtung Küche einschlägt.

Mit seinem morgendlichen Espresso, gekrönt von einem Klacks präzise aufgeschäumter Milch, setzt sich Peters an seinen Schreibtisch. Gerade als er seine Aufträge für heute durchgehen will, klingelt das Telefon, und ein Blick auf die Anzeige verrät ihm, dass am andere Ende das D-Team darauf wartet, mit ihm zu sprechen. Er weiß, dass es dieses Mal etwas Besonderes sein muss; andernfalls wäre die Anfrage per Skype reingekommen. Gespannt nimmt er den Hörer ab.
„Peters.“
„Beyrer hier, D-Team. Kannst du vorbeikommen? Wir haben da was für dich.“
„Deadline?“
„10.“
„Fix?“
„Wahrscheinlich haben wir Spielraum, aber ich will‘s nicht darauf ankommen lassen.“
„Alles klar, bin unterwegs.“
Bevor er zur Tür geht, kippt er noch schnell den letzten Schluck Kaffee hinunter. Der Koffeinkick fühlt sich gut an, doch es gibt eine Sache, die sein Herz noch schneller schlagen lässt: ein ungelöster Fall, der so schnell wie möglich geklärt werden muss.

Detective case crop

Bis zur letzten Minute

Peters betritt die Zentrale des D-Teams. Voneinander abgeschirmte Arbeitsplätze sind scheinbar willkürlich im Raum verteilt, bieten jedoch den Mitarbeitern etwas Privatsphäre und wirken trotzdem nicht unfreundlich. Zwei Querfenster gegenüber der Tür lassen Licht herein und geben den Blick frei auf die Isar; an der linken Wand steht ein Regal mit schon etwas betagten Referenzwerken, die aber selbst im digitalen Zeitalter hin und wieder noch hilfreich sind. Üppige Topfpflanzen stellen einen angenehmen optischen Gegenpol zum etwas zu grellen Orange der Wände – wie oft hatte er hier schon lebhafte Diskussionen, humorvolle Neckereien und emsige Geschäftigkeit erlebt.

Heute war jedoch davon nichts zu spüren. Es war bereits kurz vor 10 Uhr und die Spannung im Raum war mittlerweile greifbar. Beyrer und Harwardt stehen an Roses Schreibtisch und blicken angestrengt auf zwei Bildschirme, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, das sie auf die richtige Spur bringen könnte. Als Peters den Raum betritt, drehen die drei sich zu ihm.
„Was gibt es?“
Beyrer gibt einen kurzen Lagebericht. „Übersetzung Englisch-Deutsch, zwei Seiten für ein Kundenmagazin, allgemeinsprachlich. Scheint von einem Muttersprachler verfasst worden zu sein, der Autor wirkt recht vertrauenswürdig.“
Schon etwas beruhigter nickt Peters. Was auch immer die deutsche Abteilung für ihn hatte, es war meist komplizierter als obskure technische Begriffe oder simple Fehler durch einen Nicht-Muttersprachler. „Lasst mal sehen …“

Rose tippt auf ihrem Bildschirm auf einen gelb hinterlegten Satz. Vor den gespannten Augen seiner drei Kolleginnen wirft Peters einen kurzen Blick darauf.
„Das habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Was hat eure Suche ergeben?“
„Wörterbücher, Linguee, Wiki, Trares, memoQ, Google – null Treffer“, antwortet Harwardt.
„Was, nichts bei Google?“
Genervt seufzt Beyrer auf. „Der Satz ist so allgemein gehalten, da müssen wir erst alles andere aussortieren.“
„Gibt es zweitrangige Quellen“? Wenn andere Kommunikatoren die Story aufgegriffen haben, dann haben sie es womöglich umformuliert und dabei näher erklärt.
„Nein“, sagt Beyrer, der man den Stress langsam ansehen kann. „Außer ihnen scheint kein Mensch auf der Welt diesen Begriff zu verwenden.“

Geheimwaffe „Teamwork“

Während Peters die üblichen Quellen abfragt, blickt er konzentriert auf den Begriff und flüstert ihn immer wieder vor sich hin: „door tabs“.
Door tabs? Was in aller Welt soll das sein?
Mit geschlossenen Augen versucht Peters, den Begriff zu visualisieren. Der Text handelt von Bauplänen für Luxusapartments und wie aus dem Kontext hervorgeht, gehören besagte „door tabs“ zu den Ausstattungshighlights. Aber was könnte das sein? Er hatte diesen Begriff noch nie in seiner Laufbahn, geschweige denn in seinem Privatleben, gehört. Könnte es womöglich ein anderer Begriff für „Türschoner“ sein? Aber diesen Gedanken verwirft er schnell, denn wie aus dem Ausgangstext hervorgeht, sind sie aus Leder gefertigt, wohingegen diese Schoner meist aus Metall oder einem anderen harten Material sind. Türknauf, Türspion, irgendwelche Intarsien? Alles unwahrscheinlich.

Schließlich wendet er sich an Beyrer. „Hast du den Kunden schon kontaktiert?“ Obwohl das für die Teams eigentlich der letzte Ausweg ist, da der Autor selbst oft sehr schwer erreichbar ist und man ihn nicht mit einer vordergründig belanglosen Frage belästigen will, scheint es hier doch die sinnvollste Möglichkeit.
Beyrer nickt. „Wir haben den Auftraggeber kontaktiert, aber die haben selbst Probleme, den Autor ausfindig zu machen. Momentan sind viele im Urlaub und keiner weiß genau, wer alles die Finger im Spiel hatte.“ In Pressetexten sucht man den Namen des Autors oft vergeblich; Beyrer seufzt ein zweites Mal. „Ok, es ist fast 10 Uhr, das war’s. Rose, schreib etwas möglich Unverfängliches und kommentiere es für den Autor.“ Sie geht zurück an ihren Arbeitsplatz und schiebt ruckartig ihren Stuhl zurück, der gequält quietscht. „Ein verdammt blöder Start in den Tag … Noch dazu macht mein Schreibtischstuhl ständig dieses doofe Geräusch.“

Moment, Schreibtischstuhl? Eine Ahnung kommt in Peters auf. „Schreibtischstuhl“ enthält das Wort „Schreibtisch“, obwohl der Stuhl selbst keine Eigenschaft des Tisches ist. Lässt sich diese Logik vielleicht auf die „door tabs“ übertragen? „Was, wenn der ‚door tab‘ nicht auf, sondern neben der Tür ist? Oder irgendwie sonst in der Nähe?“Rose schnippt mit den Fingern. „Wie diese Schilder neben Türen in Bürogebäuden? Das könnte sein … Wie wäre es mit Türschilder?“, schlägt sie nach kurzem Nachdenken vor.
Beyrer denkt nach. „Türschilder. Ja, das könnte funktionieren. Bezieht sich auf die Tür, aber ist genauso ungenau wie das Englische.“ Ein erleichtertes Grinsen huscht über ihr Gesicht. „Ich denke, damit kann ich leben!“
„Ok, einen Moment.“ Roses Finger fliegen über die Tastatur. Ein letzter triumphierender Klick und sie lehnt sich entspannt zurück. „Schon hochgeladen und unterwegs zum Kunden!“
„Toll, danke!“, sagt Beyrer und sieht Peters an. „Vielen Dank für deine Hilfe.“
„Immer gern. Gebt mir Bescheid, wenn ihr Feedback bekommt.“ Zufrieden geht er zurück in sein Büro – bereit, den Tag in Angriff zu nehmen …

Die Jagd geht weiter

Natürlich geht es bei unseren Übersetzungsproblemen nicht immer so dramatisch zu. Aber wir nutzen durchaus verschiedene Quellen und Methoden, um hinter die Aussage des Autors zu kommen, und manchmal muss man dafür sehr kreativ sein. Aber das ist schließlich eine der schönsten Seiten unseres Berufs: Hin und wieder darf und muss man seinen inneren Sherlock Holmes von der Leine lassen, um Stück für Stück die wahre Bedeutung eines Worts herauszufinden!
Und, was ist Ihre spannendste Wörtersuche?

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