Unternehmenskommunikation: ein Sonderfall?

Von Richard Peters, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Corporate Health, Corporate Housing, Corporate Communications: Ein auf den ersten Blick unauffälliges Wort hat die Welt erobert. „Corporate“ findet sich heute in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und ist mittlerweile absolut geläufig. Doch die wenigsten von uns werden sich tatsächlich mit seiner genauen Bedeutung befasst haben. Die Frage ist aber durchaus berechtigt: Warum taucht „Corporate“ zusammen mit derart grundlegenden Dingen wie Gesundheit, Unterkunft und sogar Kommunikation auf?

Wer als Übersetzer auf Unternehmenskommunikation oder eben Corporate Communications spezialisiert ist und seine Aufgabe ernstnimmt, kann diese Frage nicht ignorieren. Ich würde sogar sagen, dass der ganze Knackpunkt in diesem kleinen Wort steckt. Lassen Sie mich zur Erklärung zwei Arten von Übersetzern vergleichen: den Übersetzer von Romanen, Kurzgeschichten und dergleichen – d. h. den Literaturübersetzer – und seinen Kollegen für Unternehmenskommunikation – nennen wir ihn den „Corporate-Übersetzer“.

Richard Peters

Was also ist das Anliegen des Literaturübersetzers? Für mich ist er im tiefsten Herzen Linguist: Er tut alles in seiner Macht Stehende, um jede noch so kleine Nuance genau wiederzugeben und dem gerecht zu werden, was der Verfasser des Texts erreichen wollte. Er hat die Freiheit, den Text als eigenständiges Konstrukt zu behandeln. Man könnte sagen, er übersetzt für den Autor.

Der Corporate-Übersetzer steht natürlich vor denselben sprachlichen Herausforderungen, allerdings mit einem Unterschied: Anders als der Literaturübersetzer muss er berücksichtigen, dass sein Text vor einem ganz speziellen Hintergrund geschrieben wurde. Denn die enthaltene Botschaft wurde eigens von einem Unternehmen, einer Institution oder öffentlichen Einrichtung zu dem Zweck entwickelt, in einer bestimmten Zielgruppe eine bestimmte Reaktion hervorzurufen. Diese Botschaft muss daher auf jeden Fall kohärent vermittelt werden. Konzentriert auf die Botschaft und ihre Auswirkung, geht es dem Corporate-Übersetzer also um weit mehr als rein sprachliche Fragen. Präziser ausgedrückt schreibt er primär für die Zielgruppe und nicht für den Autor.

Corporate Comms

Dieser Unterschied im Arbeitsansatz liegt allein an dem Wort „Corporate“: Hier geht es nicht um ein Werk, in dem ein Autor seine persönlichen Gedanken in seinem ihm eigenen Stil darlegt, sondern um einen Text, mit dem der Autor als eine Art Sprecher für ein größeres „System“, das Unternehmen, agiert. Und genau dieser Umstand ist ausschlaggebend dafür, wie ein Übersetzer für Corporate Communications arbeitet und übersetzt.

Was bedeutet das nun konkret für den Corporate-Übersetzer? Ohne Zweifel wird seine Arbeit dadurch noch komplexer, da er die zu übermittelnde Botschaft im Detail verstehen muss. Dazu gehört nicht nur ihr Primärziel – wie „kauft unser Produkt!“ –, sondern auch der weitere unternehmerische Kontext und die erforderliche Tonalität. Diese wiederum hängen von anderen Faktoren ab, wie der Markenpositionierung eines Unternehmens, der Rolle einer Institution in der Gesellschaft und der Art der Zielgruppe.

Ein Übersetzer, der im Auftrag eines Unternehmens arbeitet, muss die einzelnen Wörter des Quelltexts in ihrer ganzen Subtilität verstehen, mit der sie eine Botschaft transportieren, und dann in der Zielsprache eine Botschaft formulieren, die jede Nuance des Originaltexts wiedergibt – nicht einfach die Wörter, sondern das, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Das ist ein himmelweiter Unterschied zu einer „reinen“ Übersetzung von der einen in die andere Sprache. Heute begnügen sich die meisten Menschen mit einem Blick in Google Translate, um den groben Inhalt zu verstehen. Die Unternehmenskommunikation hingegen will weitaus mehr als nur informieren. Sie will die Leser beeinflussen, und in diesem Punkt schaffen die Dienste hochkompetenter Übersetzer einen echten Mehrwert.

Bei Corporate Communications steht viel auf dem Spiel: Es geht um nicht weniger als die Art und Weise, wie ein Unternehmen sich selbst, seine Produkte und Services präsentiert und den Dialog mit der Öffentlichkeit aufnimmt. Wer will, dass seine Botschaft im Gedächtnis der Leser hängenbleibt und möglicherweise deren Meinung formt, kommt mit einem Übersetzungstool nicht weit – er braucht einen Menschen mit Herz und Verstand.

Ist die Unternehmenskommunikation also wirklich ein Sonderfall? Für mich ist sie mehr als das: Sie ist eine ganz eigene Welt.

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