Die unübersetzbare deutsche Sprache

von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Maria Wolf

„… Es bedeutet Wäsche, so etwas wie schmutzige Kinderwäsche. Wir haben nicht wirklich ein Wort dafür.“
− Buster Bluth, Arrested Development

Was bedeutet unübersetzbar?

Ich habe ein Problem mit dem Wort „unübersetzbar“. Menschen schreiben Artikel, sogar ganze Bücher über Wörter anderer Sprachen, die angeblich „unübersetzbar“ seien. Gemeint ist häufig nur, dass es in einer anderen Sprache keine Eins-zu-eins-Entsprechung für dieses Wort gibt. Aber nur weil es für ein bestimmtes Wort in meiner Sprache kein Äquivalent gibt, heißt dies noch lange nicht, dass ich die Bedeutung des Wortes nicht erfassen könnte. Möglicherweise bedeutet es lediglich, dass das Konzept hinter dem Wort in meiner Kultur nicht häufig angesprochen wird.

Kristin Fehlauer

Schauen wir uns einige Beispiele an – vorzugsweise zum Schmunzeln, denn darum lesen wir ja Blogs über Sprachen. Im Russischen gibt es das Wort разблюто1, welches die Gefühle für jemanden ausdrückt, den man früher mal geliebt hat. Wie allein diese Beschreibung zeigt, lässt sich die Bedeutung des Wortes durchaus auch im Englischen oder Deutschen erklären, auch wenn es hierzu mehrerer Wörter bedarf. Und jeder, der schon mal verliebt war, weiß, was gemeint ist. Anscheinend war bislang weder im Englischen noch im Deutschen eine komprimierte Bezeichnung für dieses Phänomen nötig – im Russischen hingegen schon.

Ähnlich das Japanische, das mit herrlich kompakten Wörtern fantastisch ästhetische Konzepte beschreibt. Eines dieser Wörter habe ich in meiner College-Zeit gelernt: yūgen, das ironischerweise die jenseits der in Worte fassbare, geheimnisvolle Unergründlichkeit des Universums beschreibt. Ein Wort für eine Empfindung jenseits von Worten! Als Nicht-Muttersprachler bleiben mir sicherlich einige Facetten und Nuancen des Wortes yūgen verschlossen, doch die Grundidee kann in einer mir verständlichen Weise beschrieben werden – es dauert nur länger und nimmt mehr Platz in Anspruch.

Was ist Sprache eigentlich?

Letztlich ist Sprache ein System von Bezeichnungen, die alle Gesprächsteilnehmer in einer gemeinsam vereinbarten Art und Weise verwenden können, um auf Konzepte und Gedanken, die allen Beteiligten bekannt sind, Bezug zu nehmen. Es ist eine Frage der Effizienz: Statt umständlich eine „erhöhte, längliche Plattform auf vier Stützen“ zu beschreiben, sage ich kurz „Tisch“, und jeder weiß, was damit gemeint ist. Erst wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der keine Ahnung hat, was ein Tisch ist – zum Beispiel eine Meerjungfrau –, muss ich auf die ausführlichere Beschreibung zurückgreifen.

Insiderwitze treiben den Grad der Effizienz noch weiter. Unter Familienmitgliedern oder engen Freunden reicht oft nur ein Wort oder manchmal sogar nur ein Blick, um ein ganzes Bündel von Assoziationen, Emotionen und Erinnerungen wachzurufen. Aber es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten: In einer berühmten Episode von Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert begegnet die Crew einer fremden Spezies, die nur über Metaphern kommuniziert und dabei auf eine ihnen eigene Mythologie Bezug nimmt. Wem diese Mythologie fremd ist, für den bleibt auch die Sprache ein Rätsel. Doch für denjenigen, der damit vertraut ist, kann die Sprache mit wenigen Silben Unmengen von Informationen vermitteln.

Sprechende Bilder

Als Übersetzer habe ich die Aufgabe, Bedeutungseinheiten, die in einem bestimmten kulturellen Kontext verstanden werden, in einem anderen verständlich zu machen. Dabei gehen natürlich einige Facetten verloren oder büßen zumindest etwas von ihrem Glanz ein.

Ich höre förmlich einige Englischmuttersprachler, die des Deutschen nicht mächtig sind, spöttisch fragen: „Na und? Sicher kein großer Verlust!“ Mit dem Ruf der deutschen Sprache ist es bei den Englischmuttersprachlern oft nicht weit her. Für sie hat das Deutsche weit weniger Poesie oder Charme als die romanischen Sprachen. Dabei ignorieren sie jedoch dessen ökonomische Eleganz.

Etwa Wörter wie weltschmerz, zeitgeist oder kindergarten, die wir im Englischen übernommen haben, tragen so viel Bedeutung in so wenigen Silben! Eine andere – zumindest für das Hollywood-Publikum, das Deutsch im Wesentlichen aus dem Munde von Gangstern und Verbrechern hört –, weniger ersichtliche Qualität des Deutschen ist dessen beneidenswerte Bildhaftigkeit, wie sie sich im Wort Kindergarten, ein Garten für Kinder, zeigt. Mein persönlicher Favorit ist allerdings die Schwerkraft, die Kraft, die Dinge schwer macht.

Laut dem englischen Wörterbuch Merriam-Webster geht der Ursprung des englischen Wortes gravity für Schwerkraft auf das lateinische Wort gravis (= schwer, schwerfällig, drückend) zurück. Kein Wunder also, dass die Wurzel grav in gravity den Dingen Gewicht verleiht. Die Etymologie des Wortes folgt einem ähnlichen Prinzip wie im Deutschen, nur dass der Deutschsprachige aus den Wortbestandteilen „schwer“ und „Kraft“ die Bedeutung sofort erkennen kann, während sich diese dem durchschnittlichen, des Lateinischen unkundigen Englischsprachigen nicht auf Anhieb erschließt. Ein ähnliches Beispiel ist das englische Wort television, das sich aus dem griechischen tele (fern, weit) und dem lateinischen vision (Sehen) zusammensetzt und jenes Gerät bezeichnet, über das wir bewegte Bilder von Dingen in großer Ferne verfolgen können, im Deutschen kurz und prägnant „Fernsehen“ genannt.

Wie gewonnen, so zerronnen?

Dabei stellt sich die Frage: Erfasst ein Deutscher die Bedeutung eines zusammengesetzten Wortes überhaupt über die Zerlegung in seine Bestandteile? Als Muttersprachler lernen wir Wörter für Gegenstände oder Begriffe, ohne uns über Ursprung und Geschichte der Wörter Gedanken zu machen. Zwei Beispiele – natürlich zum Schmunzeln –sollen veranschaulichen, was ich damit sagen möchte.

Ich erinnere mich an ein Schild über einer Bude auf einem Straßenfest in Rostock, wo ich die Jahre 2002 und 2003 verbracht habe, auf dem geschrieben stand, was es dort zu essen gab. Aus Platzgründen war das Wort in „Pfann-“ und „kuchen“ getrennt auf zwei Zeilen umgebrochen. Erst als ich für mich die Bedeutung in pan und cake übersetzte, wurde mir bewusst, dass unsere pancakes im Englischen nichts anderes als Kuchen aus der Pfanne sind. Im Nachhinein scheint nichts offensichtlicher, aber bis in meine frühen Zwanziger wäre ich nie auf die Idee gekommen, pancake als ein sich selbst erklärendes zusammengesetztes Wort zu verstehen.

Ich wünschte, ich könnte dies als jugendliche Ignoranz verbuchen. Doch erst vor einigen Wochen hörte ich jemanden über das deutsche Wort entdecken philosophieren. ent- ist eine Vorsilbe zur Bezeichnung des Trennens oder Rückgängigmachens, im Englischen un– oder dis-. decken bezeichnet das Verhüllen oder Einhüllen von etwas, im Englischen cover. Das Verb entdecken ist also der Vorgang der Enthüllung, im Englischen uncover oder discover. Natürlich! Warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen! Wieder brauchte ich erst das deutsche Wort, um mir bewusst zu werden, wie sich das englische Wort zusammensetzt.

Und was lernen wir daraus?

Meine Begeisterung und Bewunderung für die Bildhaftigkeit und Effizienz der deutschen Sprache haben mir die Augen für vergleichbare Eigenschaften des Englischen geöffnet. Daher versuche ich beim Übersetzen, das, was mir an der deutschen Sprache so gefällt, im Englischen zu erhalten. Dabei geht es nicht nur um die Wiedergabe der genauen Bedeutung, sondern auch um die Erzeugung desselben Effekts, den ein Text auf seinen Leser hat. Natürlich ist Unternehmenskommunikation nicht gerade berühmt für ihre poetische Dimension. Und, wie gesagt, stellt sich die Frage, wieviel von der verborgenen Poesie einer Sprache dem Durchschnittsmuttersprachler nicht ohnehin entgeht. Aber letztlich ist es die Liebe zu den subtileren, tiefgründigeren Facetten einer Sprache, die das Übersetzen zu einer Herausforderung, für mich aber auch zu meiner Leidenschaft machen.

1 Die russischen und japanischen Beispiele entstammen dem lesenswerten Buch They Have A Word for It: A Lighthearted Lexicon of Untranslatable Words & Phrases (Louisville: Sarabande Books, 2000) von Howard Rheingold.

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