Von der Kunst, Stroh zu Gold zu spinnen

Von Wendy Schönberg

Den perfekten Ausgangstext gibt es nicht und so stehen Übersetzer immer wieder vor Herausforderungen, wenn es darum geht, inhaltlich oder sprachlich unausgereifte Übersetzungsvorlagen adäquat in die Zielsprache zu übertragen. Wie dies trotzdem gelingt, wollen wir hier etwas näher beleuchten.

Ein neuer Übersetzungsauftrag trifft ein. Der Text ist fundiert, gut strukturiert und sprachlich ausgereift, denn er wurde von einem erfahrenen Autor verfasst und sowohl inhaltlich als auch stilistisch umfassend geprüft – das ist der Idealfall, den sich jeder Übersetzer wünscht. Doch in der Praxis sieht es mitunter etwas anders aus. Gerade Texte, die sehr schnell veröffentlicht werden müssen, werden oft unter hohem Zeitdruck erstellt und zuweilen auch aus früheren Publikationen „zusammengepuzzelt“. Dabei gehen in dem neuen Text oft Satzzusammenhänge verloren und die Verständlichkeit leidet. Ein weiteres Problem ist, dass die Texte nicht immer von Muttersprachlern verfasst werden und daher mehr oder weniger große sprachliche Mängel aufweisen können. Oder sie erstellt jemand, der in seinem Arbeitsalltag eher weniger schreibt und selten mit Spracharbeit zu tun hat.

Wendy Schoenberg

Hat der Kunde keine Zeit, seine Texte vor Beauftragung der Übersetzung noch einmal zu prüfen, bleiben Fehler und Unstimmigkeiten zunächst unentdeckt. Zum Teil gehen die Ausgangstexte aber auch durch viele Hände: Sie werden von verschiedenen Autoren bearbeitet, mehrfach geändert und kommentiert, Änderungen werden wieder verworfen und neue eingebracht. Hier den Überblick zu behalten und einen konsistenten, gut formulierten und für die Zielgruppe verständlichen Ausgangstext zu erstellen, ist sicher nicht immer leicht.

Straw

Wann muss ich den Autor kontaktieren?

Wie aber gehe ich als Übersetzer mit einem solchen Text um? Worauf muss ich achten? Bei inhaltlichen Fehlern ist die Vorgehensweise klar: Fällt mir auf, dass der Text an einer Stelle nicht korrekt ist, darf ich den Fehler nicht einfach übernehmen. Bin ich mir sicher, wie es richtig lauten muss, formuliere ich die Übersetzung entsprechend und weise den Kunden in einer Anmerkung darauf hin, dass der Fehler auch im Ausgangstext korrigiert werden sollte. Habe ich lediglich eine Vermutung, versuche ich, die Textstelle telefonisch oder per E-Mail mit dem Kunden zu klären oder mit ihm zumindest die weitere Vorgehensweise abzustimmen, falls noch keine endgültige Aussage getroffen werden kann.

Bei sprachlichen Mängeln ist die Sache nicht ganz so einfach. Was, wenn der Text schlecht strukturiert ist oder unschöne Wiederholungen aufweist? Letztere lassen sich meist durch Synonyme vermeiden (wobei es ab einem bestimmten Häufungsgrad natürlich auch sprachliche Grenzen gibt), was aber mache ich mit inhaltlichen Redundanzen? Inwieweit darf ich redaktionell eingreifen und Passagen umstellen oder zusammenfassen? Hier hilft nur eins: der Griff zum Telefonhörer oder, noch besser, ein persönliches Gespräch mit dem Auftraggeber. So könnte für derartige Fälle vereinbart werden, dass ein muttersprachlicher Kollege den Ausgangstext vor der Übersetzung redigiert.

Ich vermittle zwischen Kulturen

Ganz besonderes Gespür ist gefragt, wenn ein Text in der Zielsprache nicht „funktionieren“ würde, etwa wenn sein Inhalt stark auf die Ausgangskultur ausgerichtet und für Leser in anderen Ländern weniger von Interesse ist. Oder wenn in einem anderen Sprach- und Kulturkreis eine unerwünschte (z. B. brüskierende oder belustigende) Wirkung erzielt würde. So könnte eine Rede, die der Geschäftsführer eines internationalen Unternehmens in Deutschland vor seinen deutschen Mitarbeitern hält und dabei die deutschen Errungenschaften stark hervorhebt, bei den Beschäftigten der ausländischen Standorte einen gewissen Unmut oder zumindest Irritationen auslösen.

In solchen Fällen muss ich dem Kunden das Problem erläutern und Vorschläge unterbreiten, wie er seinen Text anpassen kann, um Schaden von ihm abzuwenden. Denn als Übersetzer übertrage ich nicht nur Texte von einer Sprache in eine andere, sondern vermittle auch zwischen den Kulturen. Und in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit unseren Kunden haben wir dabei schon so manches Mal Stroh zu Gold gesponnen.

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