Bewährte Vorgehensweisen in der Unternehmenskommunikation

Von Kristin Fehlauer, aus dem Englischen von Manuel Baer

Der Pressesprecher des Unternehmens XYZ ist mit der Übersetzung einer Pressemitteilung, die heute veröffentlicht werden soll, überhaupt nicht zufrieden.

Was ist hier schiefgelaufen?

Der Pressesprecher des Unternehmens ABC ist froh, dass er die Übersetzung der Pressemitteilung nur noch kurz durchlesen muss und sie nach ein paar Minuten herausgeben kann.

Was ist hier richtig gelaufen?

Für mich steckt die Antwort auf beide Fragen in der Herangehensweise der Übersetzer. In den folgenden Beispielen möchte ich drei wichtige Best Practices für das Übersetzen, Redigieren und Lektorieren von Unternehmenskommunikation vorstellen. Sie sind für Freiberufler mit vielen verschiedenen Kunden vielleicht nur eingeschränkt umsetzbar, aber das Grundprinzip ist auch für sie interessant.

Kristin Fehlauer

Blick zwischen die Zeilen

Gerade bei besonders techniklastigen oder wissenschaftlichen Texten kann man sich leicht in der Terminologierecherche verlieren. So kann es passieren, dass der Übersetzer wieder und wieder Begriffe in Onlinewörterbüchern, früheren Übersetzungen und anderen Quellen nachschlägt. Anstatt Sätzen und Gedankengängen hat er nur noch isolierte Begriffe vor Augen. Das Ergebnis ist eine Übersetzung ohne inneren Zusammenhang, die sich alles andere als angenehm liest.

Auch der beste Übersetzer kommt, entgegen einer verbreiteten Annahme, natürlich nicht ganz ohne Wörterbuch aus. Manchmal muss man seinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen oder ein passendes Synonym finden, um Redundanzen zu vermeiden. Der Knackpunkt ist jedoch, dass ein guter Übersetzer erkennt, was zwischen den Zeilen mitschwingt.

Sehen wir uns das an einem Beispiel aus dem Dolmetschen genauer an – auch, wenn die Unterschiede zwischen Übersetzen und Dolmetschen natürlich eine ganz andere Geschichte sind. Angenommen, zwei Dolmetscher werden für eine Konferenz über Klimaanlagen gebucht. Als sie ankommen, stellt sich jedoch heraus, dass es nun um ein ganz anderes Thema geht, sagen wir um künstliche Herzklappen. Einer der Dolmetscher gerät in Panik: „Ich bin nicht vorbereitet, kenne mich überhaupt nicht mit künstlichen Herzklappen aus, und dann noch die Vokabeln …!“ Der andere bleibt ruhig und überlegt: „Ich bin zwar nicht vorbereitet, aber erst einmal gehe ich alles durch, was ich über das Herz, Herzklappen und den Kreislauf weiß.“ Wer von beiden wird seine Arbeit wohl besser machen?

Terminologie spielt nicht immer die wichtigste Rolle. Solange der Dolmetscher mit dem Gesamtkonzept vertraut ist, kann er auch den Sinn erklären. Dasselbe gilt für das Übersetzen: Wer den Gesamtzusammenhang nicht im Blick hat, kann Wörter nachschlagen, so viel er will – den Kern der Sache wird er nicht treffen.

Corp Comms

Blick zurück

Für die richtige Terminologie und einen Überblick über den weiteren Kontext sieht man sich am besten frühere Übersetzungen für den jeweiligen Kunden an. Ich benutze dazu ein Tool, das die gesuchten Begriffe und Passagen direkt im vollen Kontext anzeigt. Es unterscheidet sich dadurch deutlich von den branchenüblichen Translation-Memory- oder CAT-Tools (Software für computergestützte Übersetzung), die in erster Linie den Übersetzungsvorgang automatisieren sollen. Sie können zwar nützlich sein, um Textbausteine und repetitive Inhalte zu übersetzen, zeigen Matches aber als Einzelsätze an, sodass sich nur schwer prüfen lässt, ob sie in den jeweiligen Kontext passen. Idealerweise findet man eine Möglichkeit, frühere Übersetzungen für spätere Aufrufe zu speichern. Dadurch steigt nicht nur die Produktivität, sondern auch die Konsistenz und Kontinuität. Welches Tool sich am besten eignet, hängt vom Fachgebiet ab, in dem man üblicherweise arbeitet, z. B. technische Dokumentation oder Unternehmenskommunikation, und ob man für wenige Stammkunden oder einen größeren, loseren Kundenkreis tätig ist.

Verschiedene Blickwinkel

In einem festen Team zu arbeiten, bringt große Vorteile mit sich. Ich kenne viele Freiberufler, die genau deshalb in Bürogemeinschaften arbeiten. Meine Kollegen und ich sprechen viel miteinander und auch mit unseren Kunden. Da wir sie natürlich nicht wegen jeder Kleinigkeit kontaktieren wollen, durchsuchen wir bei Unklarheiten zunächst die üblichen Onlinequellen wie Wörterbücher, Wikipedia oder Linguee. Sobald eine plausible Lösung aus einer seriösen Quelle gefunden ist, suchen wir im gesamten Internet: Kommt der Begriff, Satz oder die Kollokation so schon anderswo vor? Verwenden renommierte Medienagenturen die Formulierung in nicht übersetzten Inhalten? Auch die Kundenwebsite kann hier sehr nützlich sein, vor allem, wenn sie sowohl in der Quell- als auch in der Zielsprache vorliegt. Am besten ist es, wenn sich die Sprache direkt umstellen lässt, denn es ist sehr frustrierend, erst die betreffende Unterseite zu finden – und dann in der anderen Sprache ihr Pendant suchen zu müssen.

Neben oder manchmal auch direkt bei der umfassenden Recherche tauschen wir uns auch im Team aus. Glücklicherweise habe ich Kollegen mit Deutsch wie auch Englisch als Muttersprache, darunter sogar zwei, die bilingual aufgewachsen sind. An sie kann ich mich bei Verständnisfragen jederzeit wenden.

Sollte danach ein bestimmter Satz oder eine Passage immer noch unklar sein, ist es Zeit, den Kunden anzurufen.

Mir geht es jedoch nicht nur um die Recherche für einen bestimmten Text. Ich informiere mich auch über Themen, die in meinen Augen mit den Tätigkeiten meiner Kunden zusammenhängen. Dabei möchte ich nicht nur auf dem Laufenden bleiben, sondern auch neue Sachverhalte und die dazugehörige Terminologie kennenlernen. Als Spezialistin für Unternehmenskommunikation bin ich gewissermaßen Teil des Dialogs der Kunden mit der Außenwelt; deswegen muss ich mich mit den Technologien und Märkten auskennen, die für ihr Geschäft wichtig sind.

Blick ins Detail

Da ich mit den Branchen, der bevorzugten Terminologie und den Kommunikationsabsichten meiner Kunden bestens vertraut bin, zählen sie eher zur Kategorie „Unternehmen ABC“ als „Unternehmen XYZ“. Ich setze bei meiner Arbeit die „Kundenbrille“ auf, damit sie sich zeitaufwendige Überarbeitungen ersparen können – und habe die Gewissheit, dass meine Übersetzungen wirklich geschätzt werden.

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