Warum die richtige Formulierung entscheidend ist

von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Manuel Baer

Die Fastnachtszeit steht vor der Tür und Kinder wie Erwachsene in ganz Deutschland machen sich auf die Suche nach lustigen oder verrückten Kostümen, um die letzten Tage vor der Fastenzeit zu feiern. Auch wer kein Katholik ist, kann sich in der „fünften Jahreszeit“ vom trüben Wetter oder heiklen Themen wie der andauernden Flüchtlingskrise ablenken, die derzeit ganz Europa auf Trab hält. Und die erste Anlaufstelle für Kostümideen ist – wie sollte es auch anders sein – das Internet.

Holly Mickelson

Einige Deutsche waren dann doch eher sprachlos, als sie im Marketplace des Onlineshopping-Giganten Amazon zwischen Kinder-Piratenkostümen und der vollen Bandbreite an Star-Wars-Charakteren ein „Kinder-Kostüm Flüchtling“ vorfanden. Was um alles in der Welt sollte ein Flüchtlingskostüm sein? Viele Kunden machten ihrem Ärger darüber Luft, wie geschmacklos, herzlos und schlichtweg dumm sie diese Produktbezeichnung fanden. War Amazon die Würde des Menschen denn überhaupt nichts wert?

Der Stern bezeichnet das Debakel als „schweren Übersetzungsfehler“ und erklärt den Hintergrund folgendermaßen: Das Produkt wird nicht von amazon.de selbst verkauft, sondern vom britischen Händler „Fancy Me“, der neben aktuellen auch historische Kostüme anbietet. Amazon.de stellt mit seinem Marketplace also nur die Handelsplattform in Deutschland bereit. Auf seiner eigenen Website verkauft Fancy Me UK das Produkt als „Girl’s (bzw. ‚Boy‘s‘) WWII Evacuee Costume“.

Operation Pied Piper

Im Zweiten Weltkrieg entschied die britische Regierung, Bewohner städtischer Gebiete zu evakuieren, die stark von Bombenangriffen bedroht waren. Die Operation Pied Piper (zu Deutsch: Rattenfänger) war geboren, und unter den knapp 3,5 Millionen Betroffenen waren viele Kinder. Diese Entscheidung rettete zwar zweifellos zahlreiche Menschenleben, war aber zugleich traumatisch für viele Familien. Daher gehen britische Schulen heute beim Thema Zweiter Weltkrieg auch auf die Evakuierungen und ihren bleibenden Einfluss auf das Land ein. In manchen Schulprojekten sollen Schulkinder sich entsprechend kleiden, um Geschichte besser nachzuvollziehen. Kein Wunder also, dass sich derartige Kostüme gut verkaufen, zumal ein solches Fertigset den Eltern Zeit spart.

Illogical

Was war also passiert?

Irgendwer hat irgendwo beim Übersetzen einen Fehler gemacht. Oder dieser hat sich auf der langen, gefährlichen Reise per Glasfaserkabel über den Ärmelkanal eingeschlichen. Wie dem auch sei, unter diesem äußerst unglücklichen Fehler werden vermutlich sowohl Amazon als auch Fancy Me UK in Form von negativem Presseecho oder schwindenden Umsätzen zu leiden haben. Natürlich könnte ich mich jetzt weiter darüber auslassen, ob vielleicht ein unerfahrener Übersetzer am Werk war, dass maschinelle Übersetzung selten eine gute Idee ist und Qualität eben ihren Preis hat. Werde ich aber nicht.

Denn abgesehen von meiner ursprünglichen Reaktion auf den Hintergrund des Kostüms – auch in den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „Evakuierungen”, aber aus völlig anderen Gründen – fand ich es wesentlich erschütternder, dass sich jemand einfach nicht die Mühe gemacht hat, die Bedeutung des Ganzen zu verstehen. Die Geschichte hat uns immer wieder gelehrt, dass Evakuierte nicht mit Flüchtlingen gleichzusetzen sind. Erstere werden von jemand anderem (z. B. einer Regierung) zu ihrem Schutz aus einer Gefahrenzone herausgeholt, während Flüchtlinge aus der Situation heraus keine andere Möglichkeit haben, als ihre Heimat zu verlassen.

Der Unterschied zwischen Flüchtlingen, Evakuierten und Migranten

Dann gibt es da noch ein anderes verwirrendes, verwandtes Wortpaar, nämlich „Flüchtling“ und „Migrant“. Und auch wenn Nachrichtensprecher und Politiker die Begriffe neuerdings so verwenden, wie es ihnen gerade am besten in den Kram passt, so sind sie mitnichten Synonyme. Ein Migrant bleibt nämlich nur vorübergehend und kehrt mitunter bis häufig nach einer Weile wieder in seine Heimat zurück, während ein Flüchtling dauerhaft einen neuen Wohnort braucht. Denken Sie vor diesem Hintergrund einmal über die Aussage der beiden Sätze nach:

  • „2015 kamen über eine Million Migranten nach Deutschland.“
  • „2015 kamen über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland.“

Unabhängig von der eigenen Meinung zum Schicksal dieser Menschen und wie die dazugehörigen Probleme aus politischer oder gesellschaftlicher Sicht zu lösen sind – wer davon ausgeht, dass diese Menschen in ihrem Heimatland noch ein Zuhause haben, wird schwerer verstehen können, warum man sie nicht einfach mit Sack und Pack wieder wegschicken kann.

Warum sollte mich das alles interessieren? Schließlich arbeite ich weder für Amazon noch für einen kleinen britischen Kostüm-Onlineshop. Ganz einfach: weil auch ich tagtäglich mit Wörtern arbeite und überzeugt bin, dass sie die Meinung und das Bewusstsein der Menschen verändern können. Als Übersetzerin und Autorin muss ich mir die Zeit nehmen, die Botschaft, die ich übermittle, genau zu überdenken – im Gesamtbild ebenso wie bei einzelnen Wörtern.

Wenn ich also eine internationale Pressemitteilung übersetze, achte ich genau auf die Bedeutungsnuancen der Wörter, damit die Botschaft des Kunden auch unverfälscht ankommt.

Übrigens haben wir nun ein Kostüm gefunden: Mein Sohn verkleidet sich als Steve von Minecraft – und ich weiß endlich, wohin mit den vielen Amazon-Kartons!

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