Wenn dir das Leben viele Hüte gibt, werde Hutmacher

von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Andrea Brugman

Als Kind haben mich Erwachsene immer gefragt, was ich einmal werden möchte, wenn ich groß bin. Ich wollte vieles werden: Meteorologin, eine berühmte Köchin, Meeresbiologin oder Jockey. Ich erinnere mich daran, dass ich mich ärgerte, wenn Erwachsene meine Antwort belächelten. Ich verstand nicht, warum sie meine Träume für abwegig hielten. In meiner Vorstellung wurde man einfach groß und bekam – Simsalabim – auf magische Weise den Beruf, der für einen bestimmt war.

Leider hat mir keine Fee zu meinem 18. Geburtstag einen meiner Traumberufe zum Geschenk gemacht. Und obwohl ich (noch) nicht in einem dieser schillernden Berufe arbeite, die ich mir damals vorstellte, bin ich zufrieden.

Holly Mickelson

Vielleicht hängt es aber damit zusammen, dass es mir heute schwerfällt, die Frage nach meinem Beruf zu beantworten. Es ist schwierig, alle meine Aufgaben unter einen Titel zu fassen. Sie leihen sich Elemente aus verschiedenen Berufen – Texter, Übersetzer, Lektor und Korrekturleser –, berufen sich aber auch stark auf meine Erfahrung als Amerikanerin, dem Elfenbeinturm entkommene Akademikerin und Anhängerin der Popkultur. Soweit ich weiß, lehrt auf der ganzen Welt kein Studiengang, was ich mache. Und Feen sind dabei auch keine große Hilfe.

Im Wesentlichen würde ich sagen, dass mich meine vielseitigen Arbeits- und Lebenserfahrungen stark geprägt haben, wie ich Probleme und Herausforderungen angehe. Ich habe gelernt, Informationen, die ich anderweitig gesammelt habe, für ähnliche Aufgaben zu verwenden. Dadurch bleibe ich flexibel und ich habe mir auch einen kleinen Trick zugelegt: Für jede Aufgabe stelle ich mir eine spezielle Kopfbedeckung vor, die mir hilft, mich darauf zu konzentrieren.

Ode an meine Denkkappe

Etwa zu der Zeit, als mich Erwachsene fragten, was ich werden möchte, traf ich meine Lieblingsgrundschullehrerin, Frau Secord. Ihre Begeisterung und ihr ungebrochener Glaube an uns haben viel dazu beigetragen, wie ich später über Schule im Allgemeinen und Lernen im Besonderen dachte. Auch gab sie mir meine erste unsichtbare Kopfbedeckung, die ich bewusst aufsetzte: Wir falteten und dekorierten Papierhüte – „Denkkappen“ – und trugen sie in verschiedenen Unterrichtsstunden pflichtbewusst auf unseren Köpfen.

Obwohl ich keine Denkkappe aus Papier mehr benötige, finde ich es hilfreich, mich mental auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Dazu visualisiere ich die an mich gestellten Anforderungen und die Vorgehensweise, die ich befolgen muss, um effizient zu arbeiten. Ich habe ein ganzes Regal voller unsichtbarer Hüte im Büro – manche sind modisch-flott, wie mein Hut fürs Texten, andere eher geschäftsmäßig-nüchtern. Und andere wiederum sind stereotyp, wie mein Hut als USA-Expertin – ein Stetson natürlich.

Um mit den Anforderungen meines Jobs Schritt zu halten, wechsle ich die Hüte, je nachdem, was an diesem Tag ansteht – schreiben, übersetzen, Kunden treffen. Andere Hüte, die im Büro regelmäßig auf meinem Kopf erscheinen, ist meine Melone als englische Muttersprachlerin oder mein Käppi für kooperative Teamarbeit. Ich besitze auch einen Mama-Hut, aber der ist eintätowiert.

Hats

Ein Hut für die heutige Zeit

Ich glaube übrigens nicht, dass ich mit dem Hüte-Trend alleine dastehe. Die Jobbeschreibungen sind heute selten so konkret, wie es sich eine Achtjährige erhoffen mag. Vorbei ist die Zeit, in der sich Büroangestellte morgens einstempeln, acht Stunden lang dieselbe Tätigkeit verrichten und gegen Abend ausstempeln, nur um am nächsten Tag wieder exakt das Gleiche zu tun. Die Arbeitsstätte und die Art der Arbeit haben sich gewandelt und dadurch mussten sich auch die Arbeitenden in allen Lebensbereichen verändern. Wir unternehmen hier gar nicht einmal den Versuch, Privat- und Berufsleben zu vereinbaren – dieses Thema verdient einen eigenen Blogeintrag.

Zwangsläufig müssen wir alle Multitasking betreiben. Natürlich gehe ich auch ins Büro, aber ich sitze dort nicht einfach acht Stunden an meinem Schreibtisch und starre auf den Bildschirm meines Computers. (Das heißt, normalerweise mache ich das nicht.) Grundsätzlich bin ich auch meine eigene IT-Spezialistin. Ich kann selbst meinen Kaffee kochen. Ich kann alles Mögliche recherchieren und meine eigenen Projekte leiten. Mir persönlich gefällt diese Vielseitigkeit und ich suche sie aktiv – und dies trifft auch auf immer mehr junge Menschen zu, die im 21. Jahrhundert ins Berufsleben eintreten.

Und wenn ich das Bedürfnis habe, mir einen seelischen Hut aufzusetzen, nun, das ist meine Angelegenheit. Für meinen Chef dürfte diese Information neu sein.

Zugegeben, an manchen Tagen fällt die Entscheidung nicht leicht, welchen Hut ich zuerst aufsetzen soll. Lese ich heute Korrektur oder übersetze ich? Ach, nichts von beidem – ich redigiere. Danach muss ich einen Blogartikel schreiben. Auch hier muss ich mir voll bewusst sein, welchen Hut ich mir jeweils aufsetze, und ihn mit Überzeugung tragen.

Leicht gesagt, aber wie funktioniert das bei mir?

Wenn dir das Leben viele Hüte gibt, werde Hutmacher

Vor kurzem habe ich für einen neuen Kunden ein Projekt als Texterin angenommen. Ich liebe diese Art von Arbeit und bin gut darin, aber sie zu machen verlangt mir einen unbeirrbaren Glauben an meine eigenen Fähigkeiten ab. Sie wissen, was ich meine, falls Sie jemals neue, spritzige Ideen in die große, weite Welt werfen mussten. Selbst wenn Ihre Ideen genial sind, muss man dennoch manchmal hart daran arbeiten, sie zu verkaufen. Dazu ist ein selbstbewusster, schriller Maxi-Hut vonnöten.

Um überzeugend schreiben zu können, muss ich zuerst die Dynamik der Aufgabe vollkommen verstehen: Wer ist mein Kunde und welches Bild möchte er von sich selbst zeichnen? Was ist seine Zielgruppe und was benötigt diese? In welcher Form erscheint der Text?

Aber ich muss auch flexibel bleiben. Selbst wenn meine Ideen weltbewegend gut sind, passen sie möglicherweise nicht perfekt zum Kunden. Ich muss mir Kritik anhören können und diese dann in meiner Arbeit umsetzen, auch wenn dies bedeutet, nochmals von vorne zu beginnen.

Ich denke, in gewisser Hinsicht bin ich mehr als nur eine hütetragende Arbeitskraft. Ich bin auch zu meiner eigenen Hutmacherin geworden. Ich kann hier noch eine Feder anheften, die Krempe breiter machen oder die Farbe anpassen. Diese erlernte Fähigkeit ist sehr hilfreich. Trifft das auch auf Sie zu?

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