Wörter und Worte

Von Chrissie Brockmann

Laut Bastian Sick, dem Autor der Kolumne „Zwiebelfisch“ im Spiegel, liegt der Unterschied zwischen „Wörtern“ und „Worten“ darin, dass Wörter aus Buchstaben bestehen, während Worte einen Gedanken oder tieferen Sinn ausdrücken. Gerade in unserem Bereich der Unternehmenskommunikation ist es auschlaggebend, den exakten Sinn hinter einem Text zu verstehen, um diesen in einer anderen Sprache sinngemäß wiedergeben zu können.

Doch der Macht von Worten sind sich viele nicht richtig bewusst und gerade das wird ausgenutzt, um Leser in ihrem Unterbewusstsein zu beeinflussen. Die richtigen Worte zu finden, ist so oft ausschlaggebend – sowohl in unserer Branche als auch im täglichen Leben. Dieses überaus spannende Thema ist einen Ausflug in die Welt der Psychologie also absolut wert …

Chrissie Brockmann

Die Macht der Worte

Haben Sie schon einmal bewusst darauf geachtet, welche Stimmung oder Erinnerung gewisse Begriffe bei uns auslösen können? Woran denken Sie beispielsweise beim Wort „mutterseelenallein“? Das ist doch eines der schönsten Worte der deutschen Sprache! Es bringt das Gefühl der Einsamkeit und Melancholie genau auf den Punkt, sodass man es schon fast selbst fühlen kann. Und irgendwie vermisst man plötzlich seine Mutter, oder? Manche Worte können unsere Gefühle direkt ansprechen, wenn wir bewusst darauf achten. Was machen beispielsweise folgende Begriffe mit Ihrem Gemüt:

– Abenteuer
– Schmerzen
– Erfolg
– Sonnenschein

Natürlich assoziiert jeder von uns etwas anderes damit. Ganz ehrlich, wie fühlen Sie sich bei dem Wort „Arbeit“? Unser Erfahrungsschatz spielt eine ganze zentrale Rolle in unserem Sprachgebrauch und -verständnis.

Anderes Beispiel: „müssen“. „Müssen“ impliziert in der Regel einen äußeren Zwang oder Druck. Ein sehr negativ besetztes Wort, das aber bei allen zum täglichen Sprachgebrauch gehört: „Ich muss am Wochenende die Fenster putzen“ oder „Ich muss später einkaufen“. Da ist die schlechte Laune schon vorprogrammiert. Probieren wir das Ganze aber einmal anders und ersetzen das Wort „müssen“ durch „wollen“ oder „möchten“: „Ich möchte am Wochenende die Fenster putzen und am Samstag die Einkäufe erledigen.“ Dieser Wortaustausch gibt uns die Entscheidungskraft in unserem Leben auf unbewusster Ebene zurück, sodass man sich irgendwie gleich besser fühlt.

positive words crop

Genauso verhält es sich mit anderen wirklich negativen Ausdrücken wie beispielsweise „gestresst“ oder „stinksauer“. „Beschäftigt“ bzw. „verärgert“ relativiert das Problem sofort und gibt uns unterbewusst ein ganz anderes Selbstgefühl. Ist doch interessant, wie „keine schlechte Wahl“ plötzlich zu einer „guten Wahl“ werden kann und das Konzert nicht „erst nächste Woche“, sondern „schon nächste Woche“ stattfindet. Es ist schließlich alles relativ.

Natürlich wird die Macht von Worten auf den Leser oder Hörer ganz gezielt ausgenutzt – etwa von Politikern oder der Werbebranche. Oder würden Sie ein Müsli kaufen, das als „ganz in Ordnung“ beworben wird? Mindestens einen Superlativ muss es schon geben, sonst geht die Werbewirkung gegen null. Auch eine Studie der amerikanischen Psychologen Lera Boroditsky und Paul Thibodeau von der Stanford University hat deutlich gezeigt, welchen Unterschied einzelne Wörter machen können. In ihrem Experiment wurde zwei Lesergruppen jeweils ein Text über die Kriminalität einer erfundenen Stadt vorgelegt. Die Texte waren bis auf den ersten Satz identisch. In dem einen wurde die Kriminalität als „Bestie“ beschrieben, in dem anderen als „Virus“. Die Leser sollten dann Vorschläge zur Bekämpfung der Kriminalität machen. Die Leser des Texts über die Kriminalität als Tier plädierten dafür, die Verbrecher zu jagen, einzusperren und strenge Gesetze durchzusetzen. Die Leser mit dem Text über Kriminalität als Virus fanden jedoch, dass man die Ursachen untersuchen, Armut bekämpfen und die Bildungschancen erhöhen sollte. Als Grund für ihre Ergebnisse gaben beide Gruppen die angegebenen Statistiken an, die aber in beiden Texten identisch waren. Ich finde es irgendwie unheimlich und sensationell zugleich, wie ein Wort, das gezielt als Vergleich mit Kriminalität eingesetzt wurde und die Vorstellungskraft anregt, unsere Meinung derart beeinflussen kann.

Kein Wenn und Aber

„Ich will eine Freundin besuchen, aber ich muss einkaufen gehen.“ Heißt so viel wie: Eigentlich möchte man etwas tun, man kann aber nicht. Das kleine Wort „aber“ schafft es ganz alleine, den Vorsatz komplett zu negieren und den Satz insgesamt in eine negative Aussage umzuwandeln. Es bleibt ein schlechter Nachgeschmack. Ersetzen wir „aber“ durch „und“ sieht die Welt schon gleich viel besser aus und lässt alle Möglichkeiten offen. Gleichzeitig ersetzen wir – wie wir es oben schon gelernt haben – auch wieder das Wort „müssen“ durch „möchten“: „Ich will eine Freundin besuchen und ich möchte einkaufen.“ Während „aber“ von vornherein ausschließt, dass man alles schaffen kann, verschafft „und“ Motivation und einen Lösungsversuch. Bernard Roth von der Stanford University ist der Ansicht, dass man bei der Verwendung von „aber“ – wie im oberen Beispiel – keine Lösung sieht und gleich zu Beginn eine negative Einstellung zu dem Problem hat. Die bewusste Wahl von positiven Wörter verändert aber nicht nur das eigene Gemüt, sondern wirkt auch besser auf den Ansprechpartner und kann so auch bei anderen ein positives Gefühl entstehen lassen.

„Deine Sprache zeigt, was du heute bist, und sie bestimmt, was du morgen sein wirst.“
(Raymond Hull)

Durch die bewusste Wortwahl kann man also eindeutig die Meinung, das Gefühl, die Stimmung bei sich selbst und bei anderen positiv oder negativ beeinflussen. Deshalb ist es doch ein interessantes Experiment, sich dem eigenen Sprachgebrauch bewusster zu werden, vermehrt positive Worte zu verwenden und zu beobachten, was passiert.

Kommentar verfassen