Work-Life-Balance

Von Colin Rae, aus dem Englischen von Julia Harwardt

Mir wurde einmal gesagt, dass die beste Antwort auf die in Bewerbungsgesprächen beliebte Frage „Was sind Ihre Schwächen?“ sei: „Ich bin ein Arbeitstier“. Diese Tage sind aber vorbei.

Kein Unternehmen, für das es sich zu arbeiten lohnen würde, hört gern, dass Sie sich mit Freuden ein frühes Grab schaufeln. Natürlich erwartet man, dass Sie engagiert, sorgfältig, kreativ und den Härten der heutigen Geschäftswelt gewachsen sind. Aber nicht zu jedem Preis – und vor allem nicht auf Kosten des Unternehmens. Mit dem Aufstieg der Nachhaltigkeit zur allgegenwärtigen Losung sind viele Arbeitgeber bemüht, ihren Mitarbeitern beim Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben bestmöglich unter die Arme zu greifen. Natürlich würden die meisten ohne zu zögern eine neue Stelle annehmen, die zugleich mehr Flexibilität und mehr Geld verspricht. Was aber, wenn man die Wahl hat zwischen seiner aktuellen Stelle mit großer Flexibilität und einem eher durchschnittlichen Gehalt und einem neuen Job, der zwar die Flexibilität einschränkt, dafür aber besser bezahlt wird? In diesem Fall erteilen immer mehr Menschen dem Geld eine Absage.

Colin Rae

Im Laufe der Jahre habe ich zahlreiche Artikel, Presse- und interne Mitteilungen sowie Berichte zu diesem Thema übersetzt und redigiert. Bis meine Frau und ich eine Familie gegründet haben, bedeutete der Begriff „Work-Life-Balance“ für mich allerdings kaum mehr als die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und eine gewisse Ordnung zu wahren. Planung ist quasi die Mutter guter Leistungen. Was also hat sich für mich geändert? Ich kann immer noch Prioritäten für meinen Tagesablauf setzen – heute wahrscheinlich sogar besser als je zuvor, weil jetzt mehr auf dem Spiel steht. Und was die „Wahrung der Ordnung“ angeht: Jede Mutter und jeder Vater weiß, dass Ordnung ein relativer Begriff ist. Was sich aber durchaus geändert hat, ist die allgemeine Bedeutung.

Jeder Übersetzer will es tunlichst vermeiden, Bedeutungen zu verändern. Wenn ich den Text einer anderen Person redigiere oder übersetze, muss ich manchmal Inhalte ändern – zum Beispiel, wenn Fakten ungenau dargestellt sind oder der Text auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten werden muss. Noch so kleine Veränderungen der Bedeutung sind aber tabu. Ich nehme den Ausgangstext, den Sie in Ihrer Muttersprache verfasst haben, und übertrage ihn so in meine Muttersprache, dass möglichst niemand mehr zwischen Original und Übersetzung unterscheiden kann. Haben Sie den Text in meiner Muttersprache verfasst, überarbeite oder korrigiere ich ihn zwar, ändere aber nichts an Ihren Argumenten oder Ihrem Grundton. Der Bedeutungswandel, den ich auf der Suche nach meiner persönlichen Work-Life-Balance gerade erlebe, ist jedoch durch und durch positiv.

Work-life balance

Der Ausgleich zwischen Berufs- und Privatleben und eine gute Übersetzung haben viel gemein. In beiden Fällen muss man einen Weg finden, alle einzelnen Elemente zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzufügen. Mitunter steht man zunächst vor einem Wirrwarr an scheinbar unzusammenhängenden Teilen, die man in eine sinnvolle Beziehung zueinander setzen muss. Man muss wissen, wann man einen Gang hoch- oder zurückschaltet, wann ein Detail fehlt oder wann es angebracht ist, die Dinge auf den Kopf zu stellen, damit das ganze Konstrukt nicht auseinanderbricht.

Auch auf die Gefahr hin, jetzt von beiden Seiten Empörung zu ernten: Kunden und Kinder sind in manchen Punkten gleich. Beide stellen Ansprüche – und das mit Recht. Beide wollen meine Aufmerksamkeit und vollen Einsatz. Beide brauchen Kontinuität und Engagement. Und beide sind darauf angewiesen, dass ich in jeder Situation die richtigen Worte finde. Ich muss im Gleichgewicht sein, damit ich keine Seite enttäusche.

Immer in Balance

Seit ich eine eigene Familie habe, ist mein Leben sehr geradlinig geworden. „Freie Zeit“ habe ich in dem Sinne kaum noch: Da ich keinesfalls will, dass sich mein Leben in eine endlose To-do-Liste verwandelt, ist es mir wichtig, dass die Dinge, mit denen ich meine Zeit verbringe, auch etwas bedeuten. Ich liebe meine Familie und ich liebe meine Arbeit. Ich will ein guter Vater und Ehemann, aber auch ein guter Übersetzer sein. Vielleicht klingt es naiv, doch für mich schließen sich diese Aspekte nicht zwangsläufig aus. Vielmehr glaube ich, dass mir die Fähigkeiten, die ich auf dem einen Gebiet benötige oder erwerbe, auch auf dem anderen von Nutzen sein können, dass sich mein Arbeits- und Privatleben gegenseitig bereichern. Diese beiden Teile meines Leben stehen nicht im Wettbewerb miteinander: Mache ich auf der einen Seite Fortschritte, profitiere ich auch auf der anderen.

Mein Fazit lautet: Vater zu werden hat mich selbstsicherer gemacht, wodurch es mir leichter fällt, gut zu schreiben. In der Arbeit muss ich viele Dinge gleichzeitig erledigen, dadurch wächst mir auch zuhause das Chaos nicht über den Kopf. Ich möchte schnell zu meiner Familie und arbeite deshalb konzentrierter und effektiver. Und: Ich kann die Welt wieder etwas mehr mit den Augen eines Kindes sehen und interessiere mich stärker für Zusammenhänge und Hintergründe – ein wichtiges Arbeitsmittel für jeden Übersetzer. Genau mit diesen Argumenten würde ich übrigens auch mein Gegenüber im Bewerbungsgespräch davon überzeugen, dass Mitarbeiter mit Kindern überaus wertvoll sind.

Eigentlich bewerbe ich mich ständig – jede meiner Arbeiten ist wie ein Vorstellungsgespräch. Ihr Text stellt mir Fragen und ich muss die richtigen Antworten finden. Und wenn Sie etwas Erfahrung mit Jobinterviews haben, werden Sie auch von mir Fragen erwarten. Ich stelle alles infrage, was mir vorgelegt wird, weil ich genauso kritisch wie Sie darauf achte, was ich schreibe.

Eine andere Antwort auf die Frage nach den persönlichen Schwächen war: „Ich bin Perfektionist – ich gebe mich nur mit dem Besten zufrieden.“ Das ist zweifelsohne immer noch aktuell. Warum sollten Sie sich auch mit weniger begnügen? Ich tue es definitiv nicht.

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