Die wunderschöne deutsche Sprache

von Andrea Brugman

Zugegeben, die deutsche Sprache gilt nicht eben als schön. Anders als beim Französischen oder Italienischen kommt beim Deutschen nur eher selten jemand ins Schwärmen. Mark Twain empfand die Sprache wegen ihrer grammatikalischen Komplexität als schrecklich und widmete dem Thema einen mehrseitigen Essay¹. Enrico Caruso wollte nicht auf Deutsch singen („Wie soll ich in einer Sprache singen, die aus lauter Konsonanten besteht?“²). Und der irische Komiker Dylan Moran vergleicht den „abscheulichen Klang“ der deutschen Sprache mit „Schreibmaschinen, die Alufolie fressen und die Treppe hinuntergetreten werden“³.

Andrea Brugman

Im Ohr des Zuhörers

Aber Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters – oder im Ohr des Zuhörers. Ich habe fünfzehn Jahre in den USA gelebt und weiß noch genau, wie ich mich fühlte, als ich einmal erst nach über zwei Jahren wieder in mein Heimatland kam. Im Auto lief ein Beitrag im Deutschlandfunk. Ich war wie verzaubert von den wunderschönen Satzkonstruktionen und der Wortwahl und konnte erst aussteigen, als das Feature zu Ende war, obwohl ich schon längst mein Ziel erreicht hatte. Der inhaltliche Aspekt muss dabei eine untergeordnete Rolle gespielt haben, ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, worum es ging.

So eine lange Zeit habe ich zwischen meinen Besuchen in Deutschland dann nicht mehr verstreichen lassen. Meistens fand ich mich ungefähr einmal im Jahr nach einem zehnstündigen Flug etwas plötzlich, übermüdet und voller Vorfreude in Frankfurt auf deutschem Boden – oft in Begleitung meines Mannes, später dann stets mit unserer Tochter im Baby-, Kleinkind- und Kindergartenalter. Die dreieinhalbstündige Zugfahrt, die dann folgte, verbrachte ich wegen des Jetlags meist in einer Art Dämmerzustand, einem Hin- und Herschwanken zwischen schläfrigem Wachsein und Halbschlaf, bei dem ich mit so viel Interesse, wie es mir in meiner Verfassung möglich war, den Wortfetzen um mich herum lauschte.

Je weiter wir den Frankfurter Flughafen hinter uns ließen, desto mehr nahm auch die Sprachenvielfalt ab. Ab Nürnberg ertönten die Durchsagen des Zugpersonals anfangs nur einsprachig in der mir so vertrauten dialektalen Färbung, im Laufe der Jahre dann auch auf Englisch, allerdings ebenfalls dialektal gefärbt: „Ve velcome you on se trrain. Se next shtop is Neumarkt.“ Ah, welch schöner Klang! Heimat, wir kommen!

Photo credit: Andrea Brugman

Sprache im Fluss

Aber bekanntlich ist die Welt ja stets im Wandel begriffen. Nicht nur, dass Zugansagen vermehrt auch auf Englisch erfolgten und die Aussprache immer besser wurde. Die deutsche Sprache selbst veränderte sich recht schnell, wie ich bei meinen jährlichen Visiten überrascht feststellte. Die Deutschen entspannten sich nicht mehr, sie „hängten ab“, „chillten“ oder machten „Wellness“. „Geil“ wurde durch das Suffix -o zu „geilo“ und dadurch noch ein bisschen cooler. Und auch Idioten und Dummköpfe gab es weniger, dafür liefen mehr „Vollpfosten“ herum.

Der rasante Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache fiel mir besonders auf. Vor allem Werbetexter schienen das Englische zu lieben. Manchmal entdeckte ich auf Werbeplakaten kaum noch ein einziges deutsches Wort. Wussten denn alle Deutschen, dass es im Mitsubishi-Slogan „Drive alive“ nicht um Leben und Tod ging? Und der Spruch „Come in and find out“ der Parfümeriekette Douglas keine Einladung in eine Art Irrgarten war, aus dem man möglicherweise nur schwer wieder herausfand? Wohl kaum. Selbst englische Wörter, die sich mittlerweile in der deutschen Sprache eingebürgert haben, können vom Verständnis oder der Aussprache her problematisch sein. Erst kürzlich habe ich in der Fußgängerzone miterlebt, wie eine ältere Dame beim Schaufensterbummel zu ihrer Freundin sagte: „Oh mei, etzt ham die aa scho wieda an Sale!“ Das Wort „Sale“ sprach sie dabei so aus, dass es sich mit „Schale“ reimte. Das erinnert mich an die Ankündigung einer Verwandten vor vielen Jahren, ihre Tochter hätte bald ein „Blind Date mit einem alten Bekannten“.

Auch im Computerbereich verwirren englische Wörter so manchen „User“. Selbst das mittlerweile seit drei Jahrzehnten verwendete Programm „Excel“ hat so seine Tücken. Und die beginnen schon beim Namen. Während das auf der zweiten Silbe betonte Wort im Englischen gehoben klingt, erinnert mich die deutsche Aussprache „Äksl“ eher an ein possierliches Tierchen, das ich mir als einen Verwandten des Axolotl, eines niedlichen mexikanischen Schwanzlurchs, vorstelle. Wäre Bernhard Grzimek noch am Leben, hätte er so einen putzigen Äksl vielleicht auch einmal als Gast in seine Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ mitgebracht.

Von Identitäts- und anderen Krisen

Aber Spaß beiseite, das Thema ist ernst! Fest steht: So mancher Deutscher fühlt sich vielleicht nicht mehr ganz so wohl in der deutschen Sprache. Wir Übersetzer müssen stets unsere Leser fest im Blickwinkel behalten – in unseren Texten sollen sie sich sprachlich so geborgen fühlen, dass sich deren Inhalt ohne weitere Hürden erschließen lässt. Natürlich können wir sprachliche Herausforderungen einbauen – Wortspiele etwa oder Wörter aus anderen Sprachen. Dies muss aber ganz bewusst und mit viel Fingerspitzengefühl gegenüber der Leserschaft erfolgen. „Bedeppt“, ein gern benutztes Wort meiner mittlerweile achtjährigen Tochter, soll sich beim Lesen nämlich keiner fühlen.

Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität. Ich weiß aus Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn einem die Muttersprache zu entgleiten droht. Trotz deutscher Freunde in den USA und häufiger Reisen in die Heimat hatte ich nach ein paar Jahren das beunruhigende Gefühl, dass mein Deutsch schleichend seine feine Nuancierung verlor. Neue Lebensbereiche kamen hinzu, in denen ich vorwiegend auf Englisch kommunizierte, etwa Hauskauf und folgende Umbauarbeiten oder Schwangerschaft und Geburt. Erzählte ich davon auf Deutsch, suchte ich oft nach den richtigen Worten. Während meine Muttersprache gröbere Züge annahm, drängten sich mir Fragen nach meiner eigenen Identität auf – sicherlich auch verstärkt durch meinen Beruf als Übersetzerin. Wer war ich? Irgendwie keine „richtige Deutsche“ mehr, aber wohl auch keine „richtige Amerikanerin“, trotz amerikanischem Pass.

Wir leben sowieso in einer Zeit der Krisen, nicht nur persönlicher Art. Größere Krisenherde gibt es derzeit an vielen Orten der Welt und weitere Konflikte bahnen sich in dieser postfaktischen Zeit auch aufgrund alternativer Fakten an. Wollen wir hoffen, dass wir diese Krisen bald bewältigen und hinter uns lassen können. Vielleicht ist ja der Anfang schon gemacht: Durch meinen Umzug zurück nach Deutschland im Jahr 2013 ließ sich meine Identitätskrise lösen. Der wunderschönen deutschen Sprache sei Dank!


[1] Mark Twain, „The Awful German Language“, Aufsatz, 1880.

[2] Hans Conrad Zander: Napoleon in der Badewanne. Das Beste aus Zanders Großer Universalgeschichte. 3. Auflage, 2011, S. 94. https://books.google.de/books 

[3] „Dylan Moran on Germany“, YouTube-Video, aufgerufen am 03.03.2017, https://www.youtube.com/watch?v=IoLIU2NI66w.

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