Zeit zum Feiern – ho ho ho!

von Richard Peters, aus dem Englischen von Maria Wolf

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Mitte Dezember und ich habe noch kein einziges Geschenk! Ich brauch‘ erst noch eine Tasse Glühwein …

Wenn es draußen kälter wird und sich das Jahr dem Ende zuneigt, wandern meine Gedanken zu Lebkuchen und Weihnachtsliedern. Aber bevor ich mich genüsslich den Verlockungen der Adventszeit hingeben kann, habe ich noch etwas zu erledigen: Ich muss noch Wünsche über Wünsche für unsere Kunden formulieren und übersetzen. Jede Mitteilung, jedes Leitwort endet mit Wünschen für das neue Jahr – und alle sollen möglichst positiv klingen und die vielfältigen Empfindlichkeiten einer bunten Leserschaft berücksichtigen.

Richard Peters

„Aber wie oft kann man dasselbe mit anderen Worten ausdrücken?“, frage ich mich. Die Antwort lautet: ziemlich oft! Letzte Woche habe ich die ganze Bandbreite ausgeschöpft ‒ vom klassischen „Fröhliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr“ oder „Möge Ihnen das neue Jahr viel Glück und Gesundheit bescheren“ bis zu den moderneren Varianten „Ihnen und Ihrer Familie alles Gute zum neuen Jahr“ oder „Fröhliche Festtage und alles Gute für das Jahr 2016“.

Aber warum gibt es so viele Möglichkeiten, um ein und dasselbe auszudrücken?

Zeit zum Shoppen – Ka-ching!

Nehmen wir den Begriff „Weihnachtszeit“ und seine Variationen „Festtage“ oder „Feiertage“. Ursprünglich waren damit die zwölf Weihnachtstage vom 25. Dezember bis Epiphanias am 6. Januar gemeint. Aber im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts, als der Kauf von Weihnachtsgeschenken und die Weihnachtsdekoration immer stärker in den Mittelpunkt rückten, dehnte sich die Weihnachtszeit auf die Wochen davor und den Schlussverkauf danach aus.

Wer ab Mitte Oktober durch den Supermarkt schlendert, wird durch Weihnachtsgebäck, Tannenbäume und Nikoläuse an allen Ecken und Enden an die bevorstehende Jahreszeit erinnert. Ohne Zweifel macht es Spaß, Geschenke für Freunde und Verwandte auszusuchen, sie liebevoll in festliches Geschenkpapier zu wickeln und unter den Baum zu legen. Aber dann sind da die ganzen Weihnachtskarten, deren Versand an Freunde und Verwandte Tradition (und ein gutes Geschäft) geworden ist: Natürlich kann man nicht auf jede Karte die ewig gleiche, abgedroschene Phrase schreiben!

Fox

Zeit zum Inkludieren – Chanukka Sameach!

Heutzutage werden in vielen englischsprachigen Ländern die traditionellen religiösen Themen zum Jahresende (Christkind, Weihnacht, Heilige Drei Könige) von der Geschäftswelt weitgehend ignoriert. Stattdessen rücken weltliche Aspekte wie Geschenke, Konsum und entchristianisierte bis heidnische Gestalten (Nikolaus und Weihnachtsmann) in den Vordergrund. Die Verschiebung der Bedeutung von Weihnachten von der spirituellen Erfahrung zu eher weltlichen Freuden geht mit der Säkularisierung vieler westlicher Gesellschaften einher, in denen Religion mehr und mehr zur Privatsache, dafür weniger exklusiv wird. Mit zunehmender Akzeptanz und Feier anderer Religionen erscheint es insbesondere für Unternehmen unangemessen, sich verbal und visuell der rein christlich geprägten Sprache zu bedienen.

Unternehmen wünschen ihren Mitarbeitern und Kunden nur noch selten „gesegnete Weihnachten“ oder „fröhliche Weihnachten“. Stattdessen wünschen sie „frohe Festtage und ein gutes neues Jahr“ oder nur noch ein „gutes neues Jahr“ unter völliger Missachtung des Feiertags eine Woche vorher. Dies trifft zumindest auf einige Kunden zu, für die wir Botschaften zum Jahresende formuliert oder übersetzt haben.

In allerjüngster Zeit hat sich sogar ein Trend zur völligen Abkehr von jeglicher Botschaft besonderer Art abgezeichnet: Der diesjährige „Weihnachtsbecher“ von Starbucks war schlicht rot, ohne irgendein zur Jahreszeit passendes, religiöses (Engel) oder betont nichtreligiöses (Schneeflocke) Gestaltungselement. Dies hat in den Social Media zu heftigen Debatten geführt, wobei der Kaffeekette vorgeworfen wurde, mit dem abstrakten Design, das gerade diese Debatte verhindern sollte, zum einen der Religion den Krieg erklärt, zum anderen genau den Extremisten in die Hände gespielt zu haben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Stellungnahme des Unternehmens, man habe lediglich „alle unsere Geschichten willkommen heißen wollen“, lascher als ein verdünnter koffeinfreier Caffè Americano.

Zeit zum Zählen – Weihnachtskarten

Nachdem ich gerade erst mit dem Kartenschreiben fertig geworden bin und meine persönlichen Wünsche und Grüße an meine eigenen Kunden verschickt habe, ist es nun Zeit, meine Feder wegzupacken und auf den Postboten mit meiner Weihnachtspost zu warten. Ich bin gespannt, was für Karten ich bekomme: abstrakt-neutrale Motive, Schneelandschaften oder vielleicht doch das ein oder andere Jesuskind? Wir werden sehen …

Und nun, lieber Leser, bin ich an der Reihe, Ihnen und Ihren Lieben fröhliche (ergänzen Sie einen Begriff Ihrer Wahl) und ein frohes, gesundes 2016 zu wünschen!

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