Zweisprachig aus purer Notwendigkeit

Von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Julia Harwardt

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
– Ludwig Wittgenstein

Aus wissenschaftlicher Sicht habe ich Glück: Statistisch gesehen erkranken „Zweisprachler“ wie ich seltener an Alzheimer, und als Übersetzerin bringe ich tagtäglich Wörter, Gedanken und Ideen von einer Sprache in eine andere – das perfekte Gehirntraining.

Holly Mickelson

Praktische Vorteile

Die Forschung zeigt außerdem, dass Zweisprachler bessere Jobchancen haben. Sie haben eine stärkere kognitive Kontrolle und können die einzelnen Sprachen besser voneinander trennen. Zudem fällt es Zweisprachlern leichter, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten. Wenn ich Deutsch spreche, filtere ich alles durch mein „deutsches Gehirn“ und verstehe die Dinge ziemlich genauso wie ein „echter“ Deutscher. Wechsle ich zurück ins Englische, versetze ich mich ganz automatisch und wie durch Zauberei wieder in mein amerikanisches Ich. Das klingt zwar toll, aber: Bin ich tatsächlich geistig so wandlungsfähig? Und wie kam es überhaupt dazu? Im College traf ich da diesen wunderbaren Mann. Er stammte zufällig aus Deutschland, bekam dort einen Job, also ging ich mit ihm zurück in seine Heimat. Dort sind wir heute noch. So die Kurzversion. Die nüchternere Fassung lautet aber: Es war hart. Ich war bereits erwachsen, als ich anfing, Deutsch zu lernen, und der Spracherwerb fällt ab dem Alter von 25 Jahren im Allgemeinen schwerer. Heute, 15 Jahre später, weiß ich: Es gibt immer noch vieles zu lernen und manche Dinge werde ich wohl nie verstehen. Trotzdem würde ich behaupten, dass ich fließend Deutsch spreche.

Ist man zweisprachig, weil man eine Fremdsprache fließend spricht?

Die traditionellen Definitionen von Zweisprachigkeit umreißen einen eher exotischen Kreis: diejenigen, die zwei Sprachen gleich gut und im Detail beherrschen, also auf Niveau eines Muttersprachlers, und akzentfrei sprechen. Ach ja, und beide Sprachen sollten bitteschön bereits von Kindesbeinen an erlernt sein. Sie merken schon: Diese Zweisprachler sind ein ganz exklusiver Club, zu dem ich niemals Zugang bekommen werde. Sogar Psycholinguisten, die Experten für Zweisprachigkeit, sagen, dass Zweisprachler dieses Kalibers nur schwer zu finden sind. Ich hingegen lasse für mich eine nachsichtigere, praktischere Definition gelten – schon allein aus Liebe zu meinem Ego. Für mich bedeutet Zweisprachigkeit, zwei Sprachen regelmäßig und recht fließend zu sprechen, wobei es bei Letzterem durchaus Unterschiede geben kann.

Interessanterweise trifft diese Beschreibung auf über die Hälfte der Weltbevölkerung zu. Eine genaue Zahl lässt sich hier nur schwer festmachen, aber bedenkt man, in wie vielen Ländern mehrere Sprachen zuhause sind, kann man sich ein grobes Bild davon machen. Die Schweiz zum Beispiel hat vier offizielle Amtssprachen, die allesamt leidenschaftlich verteidigt werden. In Indien sind über zwanzig Regionalsprachen anerkannt. Es ist durchaus verbreitet, zuhause und am Arbeitsplatz unterschiedliche Sprachen zu sprechen. Auch mit meiner praktischen Definition lässt sich der Gedanke, dass ich kein waschechter Zweisprachler bin, nur schwer abschütteln. Das liegt aber allein daran, dass in meinem Kopf immer noch eine altmodische und unrealistische Vorstellung von Zweisprachigkeit herumgeistert.

Bilingual

Persönliche Gründe für zwei Sprachen

Schon seit vielen Jahren denke ich darüber nach, was Zweisprachigkeit bedeutet. Ihren Ursprung sehe ich schlicht in der reinen Notwendigkeit. Warum musste ich eine zweite Sprache lernen? Beziehungsweise warum erschien mir das erforderlich?

Fakt ist, dass die meisten aus Notwendigkeit zu Zweisprachlern geworden sind. Unter meinen Spielgefährten fanden sich einige Exoten, die zweisprachig aufwuchsen – sicherlich aber nicht, weil sie aus Spaß an der Freude beschlossen hätten, Japanisch zu lernen, oder ihre Eltern dachten, dass sie mit Spanisch besser durchs Leben kommen würden. Sie sprachen zwei Sprachen, weil diese eben daheim bei ihnen gesprochen wurden. Weit wichtiger ist aber, dass diese Kinder vielleicht Japanisch sprechen, aber nicht schreiben konnten, oder Spanisch verstanden, aber keine Silbe davon über ihre Lippen kam. Wie Sprachexperten bestätigen, ist diese Form der „Unausgewogenheit“ die Norm.

Was mich betrifft, so wollte ich mich unterhalten können. Meine ersten Monate in Deutschland erlebte ich als eine Art „weißes Rauschen“ – für eine Weile ganz angenehm, aber am Ende war ich ziemlich einsam. Ich bin ein geselliger Mensch und interagiere gerne mit meiner Umgebung. Da ich Deutschland zu meiner neuen Heimat auserkoren habe, wollte ich mich auch integrieren. Und das funktioniert besser, wenn man die Sprache eines Landes beherrscht, da sie einen der wichtigsten Schlüssel zu seiner Kultur darstellt.Außerdem wollte ich arbeiten. Ich hätte wahrscheinlich eine Arbeit gefunden, wo Englisch kein Problem gewesen wäre. Allerdings sah ich für mich Nachteile, wenn ich aufgrund fehlender Deutschkenntnisse nicht mit deutschsprachigen Kollegen kommunizieren und mich nicht so leicht in die doch recht eigene deutsche Arbeitskultur einfühlen kann.

Welche Sprache gibt den Ausschlag?

Natürlich gibt es auch einen Haken. Bei einer Fremdsprache wird man nie dasselbe Niveau erreichen wie bei seiner Muttersprache. Ich lese, schreibe, spreche und verstehe Deutsch – aber nicht so gut wie Englisch. Trotzdem werden meine Sprachkenntnisse als fließend betrachtet und ich bin technisch zweisprachig. Allerdings ist mein Deutsch auf manchen Gebieten besser als in anderen. Da ich erst als Erwachsene nach Deutschland kam, habe ich die Sprache selektiver erlernt und mich auf die Bereiche konzentriert, die direkt mit meinem Privat- oder Arbeitsleben verknüpft sind. Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, einer Sprache den Vorzug geben – auch wenn sie das selbst vielleicht gar nicht bemerken.

Und das ist auch sinnvoll. Übersetzer wissen vom Wert der Spezialisierung: Je mehr man über die Feinheiten bei Wortschatz und seinem Gebrauch auf einem bestimmten Gebiet weiß, desto leichter fällt die Übersetzung. Und je öfter man damit zu tun hat, desto einfacher wird es. Ich kann wahrscheinlich einen Text über medizinische Verfahren übersetzen, aber für ein gutes Ergebnis müsste ich viel recherchieren und vor allem beim ersten Mal viel Zeit investieren. Geht es aber um Themen, mit denen ich häufig zu tun habe, fühle ich mich wie ein echter Zweisprachler, und zwar unabhängig davon, wie man Zweisprachigkeit definiert. Geben Sie mir eine Pressemitteilung über Raumsonden und ich garantiere Ihnen: Dieser Text geht mir ganz locker von der Hand.

Mein nächster Schritt? Vielleicht lerne ich eine weitere Sprache, das hält das Gehirn auf Trab. Wer braucht da schon Sudoku …

4 Antworten zu “Zweisprachig aus purer Notwendigkeit”

  1. Anne Mickler sagt:

    Ein schöner Artikel mit interessantem Inhalt, in dem ich mich wieder finde!
    Aber eine Frage drängt sich mir bei diesem Thema buchstäblich auf: wieso hat Frau Mickelson nicht auf Deutsch geschrieben? Das sollte doch bei Zweisprachigkeit kein Problem sein – v.a. wenn ein Deutscher zur Korrektur der kleinen Fehler oder weniger deutschen Formulierungen hätte einfach kurz drüber schauen können?

    • Richard sagt:

      Hallo Frau Mickler,
      vielen Dank für das Feedback! Das Thema des Artikels setzt gerade bei Ihrer Frage auch an: Zwar bin ich zweisprachig, aber meine Kenntnisse von einer der Sprachen sind fast immer umfangreicher, feiner oder schlicht und einfach vertrauter.
      Natürlich hätte Frau Mickelson ihren Blogbeitrag auch auf Deutsch schreiben können – aber selbst nach einer Korrektur durch einen deutschen Kollegen wäre er nicht so gelungen gewesen. Deshalb schreiben alle in unserem Team – und es sind alle zwei- oder mehrsprachige Leute – in ihrer „ersten“ Sprache, genauso wie wir immer nur in die „erste“ (Mutter)Sprache übersetzen.
      Viele Grüße
      Richard Peters

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