Übersetzer Deutsch-Englisch: Der berauschende Reichtum von Sprache

Von Holly Mickelson, aus dem Englischen von Wendy Schönberg

Kürzlich las ich in einem Artikel, dass im Rahmen eines Projekts des Shakespeare-Festivals im US-Bundesstaat Oregon 39 Bühnenstücke von Shakespeare in unser heutiges Englisch übertragen werden sollen. Durch eine moderne Sprache will man die Werke verständlicher, multikultureller und damit für die Menschen unserer Zeit zugänglicher machen. Die „Übersetzer“ sind renommierte Dramatiker und andere Theaterexperten.

Shakespeare-Kenner James Shapiro hingegen hält wenig von dem Projekt, weil, wie er betont, „Shakespeare den berauschenden Reichtum von Sprache zeigt“. Versuche man krampfhaft, seine Worte in den Volksmund unserer Zeit zu legen, bestehe die Gefahr, dass Wertvolles unwiederbringlich verloren geht.

Dem muss ich zustimmen. Natürlich kann auch moderne Sprache mitreißen, doch den Charme und Wert der Originalwerke Shakespeares zu erkennen und zu bejahen, ist ebenso wichtig. Eine weniger riskante Herangehensweise könnte sein, Shakespeares Grundideen und Charaktere zu übernehmen und damit etwas neues Wundervolles zu schaffen. In Hollywood funktioniert das ganz gut, wie man an West Side Story oder 10 Dinge, die ich an dir hasse sehen kann.

Holly Mickelson

Maß für Maß

Auf den ersten Blick ist das, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene – nämlich mit Übersetzungen vom Deutschen ins Englische –, kaum mit dem „Übersetzen“ von Shakespeare vergleichbar. Die meisten verstehen Übersetzen als einen Prozess zwischen zwei verschiedenen Sprachen. Dabei kann es auch die Umwandlung in eine neue Form oder ein anderes Medium bezeichnen, wie etwa die Übertragung von Forschungsergebnissen in ein Heilverfahren oder von gedanklichen Bildern in ein Gedicht oder Kunstwerk. Shakespeares Englisch unterscheidet sich stark von dem unserer heutigen Zeit, und dennoch sind beide eng miteinander verbunden.

Also genauso wie Englisch und Deutsch, würde man meinen. Beide gehören zur selben Sprachgruppe und haben eine lange gemeinsame Vergangenheit (schon mal was von der frühneuenglischen Vokalverschiebung gehört?). Manche Wörter haben sogar die gleiche oder zumindest eine ähnliche Bedeutung. Aber das war’s dann auch schon: die Grammatik – zu unterschiedlich (nähere Informationen hierzu siehe Englisch vs. Deutsch – und was Katzenfreunde und Hundehalter damit zu tun haben); die Ausdrucksweise – nein, auch stilistisch betrachtet bestehen zu viele Differenzen.

Das klingt kompliziert, doch was ich damit sagen möchte, ist: Eine Wort-für-Wort-Übertragung funktioniert weder bei Shakespeare noch bei einer guten Übersetzung vom Deutschen ins Englische. „Maß für Maß“ hingegen gelangt man zum Ziel. Meine Übersetzung sollte dem Ausgangstext gerecht werden, also seinen Ton und Zweck wiedergeben und das Zielpublikum erreichen – und zwar mit der Grammatik, dem Vokabular und den Stilmitteln meiner eigenen Sprache.

Immer noch nicht ganz klar? Dann möchte ich zur Illustration zwei der wesentlichen Unterschiede aufzeigen, die mir als Übersetzerin jeden Tag begegnen.

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Wie es euch gefällt

Zunächst einmal kann ich fast garantieren, dass mein englischer Text kürzer als der deutsche wird. Schlicht und einfach, weil sich ein Gedanke im Englischen in der Regel mit weniger Wörtern ausdrücken lässt. Warum ist das so? Die englische Grammatik ist einfach effizienter, zudem stehen auch mehr Wörter zur Verfügung. Laut dem Oxford English Dictionary sind derzeit über 171.000 englische Wörter in Gebrauch, während der Duden nur 135.000 Wörter zählt.

Sollte meine englische Version doch einmal länger als das Deutsche sein, muss ich sie mir noch einmal ansehen, denn dann war ich wohl zu ausschweifend. Gibt es bei einem Dokument Zeichenbegrenzungen (zum Beispiel bei einem Jahresbericht, der ja gedruckt und gebunden wird), nimmt der englische Text garantiert weniger Platz in Anspruch. Und bei PowerPoint-Präsentationen muss man sich kaum Gedanken darüber machen, ob die Übersetzung noch in die vorhandenen Textfelder passt.

In stilistischer Hinsicht setzt Englisch verstärkt auf Verben. Während das Deutsche zahlreiche Substantive verwendet, bevorzugt das Englische aktive Formulierungen. Die Bedeutung vieler Substantive und Adjektive kann ich verbal ausdrücken, ohne den Sinn des Originals zu verändern. So klingt der Text lebendiger und nicht wie eine Übersetzung.

Ich muss natürlich aufpassen, dass meine Übersetzung der deutschen Vorlage entspricht. Doch wie schaffe ich das, wenn ich alle Sätze kürze und aktive Verben hinzufüge? Indem ich sicherstelle, dass ich den Zweck des Ausgangstexts und die Botschaft, die der Autor damit übermitteln will, wirklich verstanden habe. Nur dann kann ich korrekt übersetzen.

Viel Lärm um nichts?

Das, was ich tue, unterscheidet sich also gar nicht so sehr von der Modernisierung der Shakespeare’schen Werke. Bei beiden muss man die Botschaft verstehen – ob in einer anderen Sprache oder einer, die so alt ist, dass sie ebenfalls als Fremdsprache durchgehen könnte – und einem neuen Zielpublikum zugänglich machen.

Shakespeare zu „übersetzen“, ist mit Sicherheit extrem schwierig. Doch der Autor hat seine Stücke nicht geschrieben, um die Leute 400 Jahre später zu verwirren, sondern damit seine damaligen Zeitgenossen sie sehen und verstehen können. Und genauso sind auch meine Übersetzungen fest im Hier und Jetzt verwurzelt.

Letztlich spielt es keine Rolle, ob ich bei meinem nächsten Auftrag eine Pressemitteilung über bahnbrechende biologische Forschungen übersetze oder Weltliteratur für ein modernes Publikum adaptiere. In beiden Fällen weiß ich, dass der Ausgangstext selbst seinen Wert hat und, wenn ich Glück habe, zumindest einen kleinen Schimmer vom berauschenden Reichtum der Sprache zeigt. Es braucht Zeit, bevor man sprachliche Eigenheiten klar erkennt und zu schätzen weiß. Langfristig lohnt es sich aber, sich eingehend damit zu befassen, denn davon profitiert auch meine Übersetzung.

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